philosophische Landschaften

... ein scharfes Gewürz,
appetitanregend und verdauungsfördernd soll er sein, der Senf;
Kant hat seinen selbst zubereitet und immer dazugegeben ...



... mein Senf zum

FRIEDRICH-SCHILLER-PROJEKT
[1] ...

angerührt und gesammelt von
Lothar Jahn






2013

07. Mai 2013 Kommentar
[zu: »Friedrich von Schiller – Von der Schönheit zur Freiheit. Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen« / Hrsg. v. Yvonne Schwarzer]


Lange hab' ich überlegt, ob ich hierzu überhaupt einen Kommentar abgebe und wenn, wie dieser ausfallen darf, soll, muss... Gehören SCHILLERs »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« nach meiner Einschätzung doch zu den philosophisch  und nach wie vor höchst lesenswerten Abhandlungen zum Thema »Schönheit – Mensch – Freiheit«.
Daher ist es mir unverständlich, warum die Herausgeberin der »Briefe« erstens bei ihrer Auswahl auf die Briefe 4 bis 8 verzichtet hat und zudem zweitens den Verfasser der »Briefe« zeitlich unzutreffend mit dem Adelstitel versieht. Zum einen sind die fünf nicht aufgenommenen Briefe für den Nachvollzug von SCHILLERs Gedankengang keineswegs unerheblich (und hätten den Seitenumfang der Ausgabe nicht über Gebühr ausgeweitet!). Zum anderen ist SCHILLER das Adelsdiplom erst sieben Jahre nach dem Erscheinen der »Briefe« (1795) verliehen worden, also 1802. Hinzu kommt, dass SCHILLER auf den Adelstitel selbst keinen gesteigerten Wert gelegt hat, sondern ihm dieser lediglich mit Blick auf seine Ehefrau Charlotte (die durch die Heirat mit ihm ihren Adelstitel mit allen damit verbundenen gesellschaftlichen Privilegien hat aufgeben müssen) und seine Kinder als Auszeichnung durchaus angenehm gewesen ist.

Mein vorheriger Kommentar mag vielleicht äußerst pedantisch, ja geradezu kleinkariert sein. Dafür bitte ich hiermit um Nachsicht. Aber ich denke: wenn schon, denn schon ...

07. Juni 2013 Kommentar
[zu: »Loch in Erde, Bronze rin – Schiller-Parodien« / Hrsg. v. Dieter Hildebrandt]


Den zusammenfassenden Vierzeiler von SCHILLERs »Das Lied von der Glocke« kennt (wohl) jeder/jede, der/die irgendwann in seiner/ihrer Schulzeit irgendetwas mit SCHILLER zu tun gehabt hat – und wer hat das nicht gehabt (zumindest die Älteren unter uns)!

»Loch in Erde,
Bronze rin,
Glocke fertig,
Bim, bim, bim.«

Aber ob die Kurzfassung von GOETHEs Ballade »Erlkönig« bekannt ist, weiß ich nicht so genau. Meine Mutter hat sie mir in jungen Jahren beigebracht und ich habe sie in der Schule (als es noch üblich war, Gedichte auswendig zu lernen und mit entsprechender Betonung deklamatorisch vorzutragen) vor versammelter Klasse (natürlich einschließlich meiner Lehrerin) naiv stolz zu Gehör gebracht. Über den ungeteilten Teilerfolg bei meinen Mitschülern (aber eben nicht bei meiner Lehrerin!) brauche ich an dieser Stelle wohl nichts weiter zu sagen. Die Kurzfassung lautet nämlich so:

»Nacht, Wind,
Vadder mit Kind,
Kind kalten Arsch,
weg warsch.«

21. Juni 2013 Kommentar
[zu: Wulf Segebrecht, Was Schillers Glocke geschlagen hat. Vom Nachklang und Widerhall des meistparodierten deutschen Gedichts]


Man könnte zwar mit H. M. Enzensberger (1966 in DIE ZEIT) reklamieren: »Festgemauert, aber entbehrlich« (oder noch drastischer: »Von der Stirne heiß / Was soll der ganze Sch...?«).
Nein, keineswegs! Vielmehr möchte ich dem Lesetipp noch ein Zitat aus dem Klappentext hinzufügen: »Das Buch führt die anhaltende provozierende Kraft des Lieds von der Glocke vor Augen und bietet eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Wirkungsgeschichte des Gedichts, gleichermaßen für die Verächter wie für die Bewunderer der Schillerschen Dichtung«.
SCHILLERs »Glocke« und kein Ende? – Ja!

21. Juni 2013 mEIN Lesevorschlag
An dieser Stelle erlaube ich mir, (m)einen kleinen Buch- bzw. Lesetipp einzubringen, u. z.:

Monika Utermann, Schillers »heimliche Neigung« Essay zur Frage: Unterhielt Friedrich Schiller homosexuelle Beziehungen?
(erschienen im Karin Fischer Verlag / Aachen / 1. Aufl. 2009 / 86 Seiten / ISBN 978-389514-896-5)

www.karin-fischer-verlag.de
oder
www.deutscher-lyrik-verlag.de

(weder in dem einen noch in dem anderen Verlag mehr im Sortiment vorhanden – warum auch immer!)

Wenn auch die Frage letztlich unbeantwortet bleibt (was aus meiner Sicht auch völlig unerheblich ist!), so betrachtet die Autorin (in unaufgeregter und durchaus facettenreicher Weise) SCHILLERs vielgestaltige Freundschaften oder wie es im rückseitigen Covertext heißt: »sein Verhältnis zu den Menschen, die ihm viel bedeuteten; seine Rolle, unter anderem als Sohn, Bruder, Freund, Geliebter, Ehemann, Schwiegersohn, Vater und Kollege. Sie zeigt auf, wie er mit den prägenden äußeren Verhältnissen als junger Mensch umging, aus ihnen lernte und mit der Vernunft als einziger Maxime seine eigene Lebensphilosophie entwickelte. Das Buch ist ein ganz persönlicher Blick auf Schiller, der zu einer ganz persönlichen Meinung führt.«

26. Juni 2013 Kommentar
[zu: »Schillers Geburtshaus erstrahlt in neuem Glanz«]


Wenngleich ich mich nicht als SCHILLER-Pilger verstehe, der sich ehrerbietig auf Spurensuche begibt und sich geduldig in Warteschlangen stellt, so ist das Geburtshaus SCHILLERs, das sich aus dem Häuserensemble kaum heraushebt, sehr wohl einen Besuch wert.
Besonders »An dem wohlgelungnen Bild« (wie es im »Lied von der Glocke« heißt) des behutsam, nicht auf gezwungen historisierende Authentizität, sondern modern kontrastierend gestalteten Inneren kann sich das »Auge weide(n)«.

08. Juli 2013 Kommentar
[zu: »Gnädigster Herr, ich habe Familie – Schillers Bitt- und Bettelbriefe« / zusammengest. u. hrsg. v. Christiana Engelmann]


Eine wirklich empfehlenswerte und informativ kommentierte Zusammenstellung von Briefen SCHILLERs, die einen bisweilen schmunzeln lässt und zugleich einen differenzierteren Blick auf die Person Schiller ermöglicht.

Weniger zum Schmunzeln ist einem dagegen zumute, wenn – wie in Bauerbach geschehen – »zur Einleitung des Schillerjahres 2009« allen Ernstes die »Dichterschulden nach zwei Jahrhunderten beglichen« werden. Das hat schon etwas Skurriles. Und das insbesondere, wenn vom reizenden »Spender« zur Begründung abschließend (mit einem aus meiner Sicht völlig unangebrachten und überzogenen Pathos, dem das Augenzwinkernde abgeht – oder bin nur ich so humorlos?) gesagt wird, dass einem »Dichter von bis an den Himmel reichender Erhabenheit [...] nicht das Makel [sic!] weltlicher Ungereimtheiten beflecken [sollte] – selbst nach seinem Tode nicht«!

Titel des Artikels:
»Dichterschulden nach zwei Jahrhunderten beglichen«
(Autor: Medfux / Erstellt am: 06.12.2008)

Zu finden und nachzulesen im online-Artikel.de unter:
www.online-artikel.de/article/dichterschulden-nach-zwei-jahrhunderten-beglichen-13098-1.html

08. Juli 2013 Beitrag
Bei diesen (endlich!) sommerlichen Temperaturen kommt ein klassisch-naturtrübes Bier sicherlich gut. Und wenn es dann auch noch ein »Schillerbier« ist, wohl erst recht!
Mehr oder weniger zufällig habe ich nämlich ein von der Traditionsbrauerei Mayer aus Oggersheim zum 200. Todesjahr SCHILLERs gebrautes Spezialbräu entdeckt:
www.mayerbraeu.de

Ein entsprechendes Flaschenfoto mit Etikett gibt’s unter:
www.schillerfan.de/disco/bier.htm

Übrigens befindet sich das Brauhaus in der dortigen Schillerstraße, u. z. gleich hinter dem ehemaligen Gasthaus »Viehhof«, dem heutigen »Schillerhaus« (in dem SCHILLER einstmals logiert hat und die Erstfassung seines »Fiesco« geschrieben haben soll). – Gibt's noch mehr Zufälle?
Damit gibt es nunmehr neben der entweder geräuchert-fischigen oder blätterteigig-süßen  »Schillerlocke« sowie dem »Schillerkragen« auch noch ein »Schillerbier«.
Also dann: Prost! (oder besser: Prosit! – Es möge nützen!)

09. Juli 2013 Beitrag
[zu: Schiller-Umfrage – dritter Teil / »Was bringt uns Schiller heute noch - können wir auch auf ihn verzichten?«]


Weder auf SCHILLER noch auf irgendjemand anderen können wir »verzichten«. Jeder und jede hat seinen/ihren unverwechselbaren Platz im gesamtgesellschaftlich-historischen Kontext. Jeder und jede hat irgendwann irgendwelche Spuren hinterlassen (und seien sie noch so winzig, gleichsam gegen Null gehend und scheinbar unscheinbar).
Besonders trifft jenes auf Personen zu, die in Auseinandersetzung mit Vergangenem und Gegenwärtigem in ihrer jeweiligen Ausrichtung auf Zukünftiges (sei dies in dogmatisch demagogischer, ideologisch verblendeter oder kritisch aufklärender Weise), also in einem wechselseitig sich bedingenden und mithin beeinflussenden Prozess einen Namen (ob im positiven oder negativen Sinn) gemacht haben. – Dies zunächst meine Antwort auf den zweiten (wohl eher provokant gemeinten?!) Teil der Frage.

Einerseits wäre es nach meiner (unmaßgeblichen) Einschätzung mehr als fahrlässig, ja geradezu kontraproduktiv (und wohl auch nicht im Sinne SCHILLERs – sofern ich ihn richtig verstehe!), SCHILLER auf dem überhöhten Postament (auf das man ihn im 19. und bisweilen noch im 20. Jahrhundert gestellt hat) undistanziert (gleichsam in Ehrfurcht erstarrter Haltung) und unreflektiert zu begegnen.
Nicht weniger fatal hinsichtlich der Bedeutung SCHILLERs mag sich ein anderes (zuweilen selbst erlebtes!) Extrem ausgewirkt haben, u. z. die nicht gerade selten praktizierte Zugriffsweise auf Werke SCHILLERs und deren Inhalte bzw. Aussagen: »Vielleicht haben ihn die Studienräte des 19. und 20. Jahrhunderts auf dem Gewissen, mit lustlosem Auswendiglernen und stupidem Interpretieren geflügelter Worte. Dabei ist Friedrich Schiller […] eine der schwungvollsten Gestalten unserer Literatur.« (vgl. Einbandtext zu Rüdiger Safranskis »Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus«)

Andererseits bin ich der Ansicht, dass SCHILLER auch uns Heutigen sehr wohl noch »was bringen kann«: so z. B. seinen schier unbeugsamen Idealismus, seine durch freiheitlich-humanistische Ideale bestimmte Weltanschauung. – Selbst wenn ich mich verdächtig mache, ein realitätsferner bzw. -blinder Spinner zu sein; aber: Was ist denn – in einer vornehmlich auf Realismus, auf Machbarkeit gebürsteten Zeit – eigentlich gegen eine idealistische Auffassung einzuwenden? Das eine schließt doch das andere keineswegs aus, oder?
Ich denke da – neben anderen Werken, die aktuelle Thematiken aufweisen, wie z. B. »Der Verbrecher aus verlorener Ehre«, die z. T. auch der Gegenwartszeit entsprechende Aktualisierungen erfahren haben – zu aller erst an seine (auf der F-S-P-Seite schon mehrfach genannten!) 27 Briefe »Über die ästhetische Erziehung des Menschen«. Denn sie können uns in unserer »wahnsinnig schnelllebigen Zeit« zum gedanklich spielerischen Innehalten veranlassen, indem wir durch kontemplative Betrachtung »die Zeit in der Zeit aufzuheben« (14. Brief) versuchen und zudem SCHILLERs berühmten Gedanken vom »Spieltrieb«, in dem sich Sinnlichkeit und Verstand zu einem wechselseitig sich ergänzenden Zusammenwirken vereinigen (und die Person zu einer vollständigen Persönlichkeit werden lassen), nachspüren.

Wenngleich viele Gedanken, Aussagen SCHILLERs (insbesondere im Hinblick auf seine philosophisch kongenial ergänzende Beschäftigung mit der Philosophie KANTs) auch in der heutigen Zeit zweifellos des Bedenkens wert sind, halte ich es allerdings für ein wenig übertrieben, von einem möglichen Beginn einer »Renaissance« SCHILLERs zu sprechen (vgl. o. g. Einbandtext). Auf ihn »verzichten« kann man jedoch nicht, auch heute nicht! Ist er doch ein weiteres bedeutsames Glied in einer langen Kette bedeutsamer Persönlichkeiten und hat uns als eine solche das eine oder andere zu sagen, worüber nachzudenken sich durchaus lohnt.
 
12. Juli 2013 Bilder / Fotos
[zu: Ursula Naumann, Schiller, Lotte und Line – Eine klassische Dreiecksgeschichte]



Dreigeteilte Freude?
Wer immer den Hocker in der Weise gestaltet und/oder arrangiert haben mag, weiß ich nicht, so symbolisiert doch seine Dreiteilung(!) und Kreisform(!) augen- und sinnfällig die »Ménage à trois« (auch ein Musiktitel der Jazzfunk-Combo Max Tiller & His Five Senses auf der CD »Spot The Spit« aus dem Jahr 2009), die »klassische Dreiecksgeschichte« zwischen SCHILLER und den beiden Schwestern Charlotte (»Lotte«) und Caroline (»Line«) von Lengefeld! (gesehen und aufgenommen im Rudolstädter »Schillerhaus«).

24. Juli 2013 Bilder / Fotos


»Der Teutsche Merkur«
Gebrauchsexemplar von »Der Teutsche Merkur vom Jahre 1788«, in dem SCHILLERs erste Fassung des Gedichts »Die Götter Griechenlandes« erschienen ist (ausgelegt im Schiller-Museum in Rudolstadt):
Fest getackert an dem Tische, dass es niemand stehlen kann …
(in unverschämter Anlehnung an SCHILLERs erste Verse des Gedichts Das Lied von der Glocke)




»Die Götter Griechenlandes«
Leseexemplar im Schiller-Museum in Rudolstadt:
Fest getackert an dem Tische, dass es ei'm die Brill' verbiegt …
(in unverschämter Anlehnung an SCHILLERs erste Verse des Gedichts Das Lied von der Glocke)

28. Juli 2013 Kommentar
[zu: Rose Unterberger, Friedrich Schiller]


Ein ästhetisch wirklich schön gestaltetes »biographisches Bilderbuch«! Allein schon die äußere Aufmachung finde ich sehr ansprechend:
Der rote Leineneinband, auf dem sowohl auf der Vorder- wie auch auf der Rückseite in der Art eines (weißen!) Scherenschnitts das Halbporträt SCHILLERs abgebildet ist, hat zudem einen Umschlag aus Klarsichtfolie, der (ebenfalls vorne wie hinten) die »[d]igitale Umsetzung der 3D-Scans der Schiller-Kolossalbüste von Johann Heinrich Dannecker« (wie es im »Bildnachweis« heißt) zeigt, u. z. jeweils passgenau aufliegend zu den geprägten Halbporträts.
Auf den beiden Deckelinnenseiten sind darüber hinaus die bekannten Zeichnungen von Johann Christian Reinhart (1785/87) abgebildet – Innenseite vorne: »Schiller rauchend auf einem Esel sitzend« / Innenseite hinten: »Schiller auf einem Esel reitend«.

Noch zwei weitere Gestaltungselemente sollen unbedingt erwähnt sein:
1. der jeweils entsprechend farbig markierte Zeitstrahl (von Geburts- bis Todesjahr) am linken unteren Seitenrand auf (fast) jeder Seite; 2. die immer wieder mal entweder am Ende eines Abschnitts oder eines Kapitels verwendete (wenn auch sehr verkleinerte) schwarze Silhouette SCHILLERs.

Diese reich bebilderte und sachlich profunde Ausgabe zur Biographie SCHILLERs ist (wie ich meine) in besonderer Weise als Geschenkband sehr geeignet!

17. August 2013 mEIN Lesevorschlag
Friedrich Schiller, Kleine Philosophie der Freundschaft
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Rolf-Bernhard Essig
Berlin / Aufbau Verlag / 2009 / 154 Seiten

Zwar habe SCHILLER keine »eigenständige ›Philosophie der Freundschaft‹« ausgearbeitet, aber – so der Herausgeber – »die vielen klugen Einzelgedanken in den Werken und Briefen zusammen können für eine solche gelten.«

Gleich in den ersten Sätzen seines treffsicher formulierten Nachworts stellt Essig den Leser, die Leserin nachdenklich stimmend heraus, dass »Neid, Scham, Überraschung […] Schillers Texte über die Freundschaft« weckten. »Neid, weil wir so tiefe und herzensklug selbstlose Verbindungen, wie er sie erlebte, auch gern hätten. Scham, weil Schillers kritische Analyse von Freundschaften peinliche Erkenntnisse auslöst. Überraschung, weil wir bis in die Einzelheiten hinein auf bekannte Erscheinungen stoßen.«
Dabei gelte für SCHILLERs Freundschaftstexte, »sich den Blick nicht durch ungewohnte Ausdrücke oder pathetische Formeln vernebeln« zu lassen. Es lohne sich vielmehr, »mit Schillers Augen auf eines der wichtigsten Phänomene menschlichen Lebens zu sehen.« Und abschließend heißt es in dem Nachwort: »Wer ein ehrlicher, ein guter, ein treuer, ein langmütiger und vorsichtiger Freund sein möchte, kann sich auf diese Weise auch heute noch von Schiller inspirieren lassen.«


Günter Schmidt / Volker Wahl
Der Jenaer Schiller. Lebenswelt und Wirkungsgeschichte 1789 – 1959
Bucha bei Jena / quartus-Verlag / 2005 / 284 Seiten
in der Reihe: PALMBAUM Texte. Kulturgeschichte / Bd. 19

Aus dem »Vorwort« dazu Folgendes: »[…] Die Autoren der vorliegenden Publikation knüpfen als Herausgeber und Bearbeiter von ›Schillers Erbe in Jena‹ an die 1984 vorgelegten Forschungsergebnisse an, vertiefen und erweitern sie aber auch in einzelnen Kapiteln und setzen neue Akzente. […]
Die vorliegende Publikation hat wie bisher dokumentarischen Charakter und bietet in der Übersichtsdarstellung zum Jenaer Jahrzehnt neben Lebensumständen, Wohnverhältnissen und Lehramt auch einen Einblick in Schillers Jenaer Verlagsprojekte […]. Unsere Schrift untersucht erstmals auch eindringlicher die studentische Schiller-Verehrung und die Schiller-Biographik in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod, bevor 1839 die offiziellen akademischen Schiller-Jubiläen einsetzen. […]«

19. August 2013 Beitrag
SCHILLER UND KANT

Viele Namen aus dem näheren und weiteren, aus dem unmittelbaren und mittelbaren Umfeld SCHILLERs sind bereits genannt. Aber das »Gruppenbild mit Schiller« bleibt unvollständig, wenn sein Name lediglich erwähnt, aber nicht entsprechend seiner Bedeutung für Schiller im Gesamtbild ausdrücklich erscheint!
Und dies nicht allein aus dem Grund, dass 2014 das 255. Geburtsjahr SCHILLERs zugleich mit dem 290. Geburtsjahr KANTs zusammenfällt.

Noch ein zweiter, weit wesentlicherer Grund spricht dafür, ihn bei einem Fotoshooting in das »Gruppenbild« aufzunehmen. Denn immerhin hat SCHILLER sich in den Jahren 1787 bis 1797 nicht nur mit der kritischen Philosophie KANTs beschäftigt, sondern sich seit etwa 1791 in einem intensiven Studium damit auseinandergesetzt (und deswegen seine dichterischen Tätigkeiten zwischenzeitlich zurückgestellt), vor allem mit Kants »Kritik der Urteilskraft«, aber auch mit anderen Schriften Kants (so z. B. mit dessen »Kritik der reinen Vernunft«, mit der Schrift »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« sowie »Zum ewigen Frieden«).
Diese Auseinandersetzung ist in SCHILLERs philosophisch-ästhetischen Abhandlungen unverkennbar eingeflossen und wird dort in geradezu kongenialer, gleichwohl kritisch-eigenständiger Weise weiter entwickelt (wie etwa in den so genannten »Kallias-Briefen«, der Vorstufe der Briefe »Über die ästhetische Erziehung des Menschen«, den Schriften »Über Anmut und Würde« und »Vom Erhabenen. Zur weiteren Ausführung einiger Kantischen Ideen« sowie »Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«).

Deswegen gehört KANT (neben HUMBOLDT, GOETHE und KÖRNER) in »Meine NEUE philosophische Bude« unbedingt zu seinen »Band-Mitgliedern« – auch wenn SCHILLER (unter dem unmittelbaren Eindruck der Lektüre von GOETHEs »Wilhelm Meisters Lehrjahre«) am 17. Dezember 1795 in einem Brief an GOETHE schreibt: »Wie beneide ich Sie um Ihre jetzige poetische Stimmung, die Ihnen erlaubt, recht in Ihrem Romane zu leben. Ich habe lange nicht so prosaisch gefühlt als in diesen Tagen, und es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Das Herz schmachtet nach einem betastlichen Objekt.«; auch wenn es unter der Nummer 541 in einem Zweizeiler der berühmten »Xenien« mit eindeutigem Bezug auf KANT bedauernd heißt: »Zwei Jahrzehente kostest du mir, zehn Jahre verlor ich / Dich zu begreifen und zehn, mich zu befreien von dir.«
Selbst dann gehört er, KANT nämlich, unbestritten zu besagtem »Gruppenbild mit Schiller« unbedingt dazu!

23. August 2013 mEIN Lesevorschlag
Auf dass wir uns mit Büchern zuschütten und unsere Bücherregale zusammenbrechen!
(M)Ein weiterer Buchtipp (vielleicht dem/der einen oder anderen bekannt):

Rüdiger Görner, Schillers Apfel – Szenen, Gedanken und Bilder. Zu Schillers 250. Geburtstag
Berlin / Berlin University Press / 2009 / 144 Seiten
ISBN: 978-3-940432-67-4

Es kommt (immer) darauf an, mit welchen Erwartungen (und Interessen) man als Leser/Leserin an die Lektüre eines Buches geht, die dann letztlich darüber entscheiden, wie das Gelesene beurteilt wird. Denn: wer etwa einen gedanklich »strukturierten Aufbau«, einen konsequent durchgehaltenen »thematischen Schwerpunkt« (wie in einer Rezension aus dem Jahr 2010 zu lesen) oder gar Antworten auf die zahlreichen, vom Autor aufgeworfenen Fragen erwartet, sollte nicht zu dem vorgeschlagenen Buch, sondern zu anderen, nach wissenschaftlich-methodischen Kriterien abgefasste Abhandlungen greifen (die es in schier unübersehbarer Fülle gibt, aber deren manchmal eher staubtrockene – eben wissenschaftliche – Sprache einem das Lesen erschweren). Außerdem trifft das (aus meiner Sicht) unangemessen verallgemeinernd formulierte Urteil jenes Rezensenten  allenfalls durch eine wissenschaftliche Brille gelesen zu, dass nämlich derjenige enttäuscht werde, der erwarte, »dass er [Görner] irgend eine [sic!] Schiller-Episode oder einen Aspekt aus dessen Werk gründlich darstellt und erläutert« bzw. »nicht im Zusammenhang erläutert, sie werden einfach irgendwo in den Text hinein geflickt«. Ein derartiges Urteil (und das auch noch von einem Publizisten und ehemaligen Gymnasiallehrer für Deutsch!) erfasst (nach meiner Einschätzung bedauerlicherweise!) leider nicht die Qualität von Görners Buch.
Görners Darstellung oder besser: die Art und Weise seiner Darstellung erhebt mit und in keiner Zeile den Anspruch einer im wissenschaftlichen Sinn zu lesenden Abhandlung. Noch mal: Wer das Buch dennoch so liest (bzw. entsprechend rezensiert!), liest es – mit Verlaub – aus einer wenig angemessenen Sicht; denn mit SARTRE kann man zusammenfassend sagen, dass Lesen gelenktes Schaffen ist, u. z. »gleichzeitig zu enthüllen und zu schaffen, im Schaffen zu enthüllen und durch Enthüllen zu schaffen«.

Auch wenn Görners »Schillers Apfel« keineswegs ein literarischer Text ist (auf den sich die Aussage SARTREs bezieht) und auch nicht als solcher auftritt, so macht gerade dessen Darstellungsweise, die zweifellos inhaltlich (wie sachlich) sprunghaft daherkommt, assoziativ, sentenzartig mitteilt, bisweilen durchaus kritisch und mit einem Anflug leiser Ironie versehen ist, dann wieder (sehr wohl) ausführlich durch Werke und Lebenssituationen SCHILLERs beziehungsreich mäandriert, dabei persönlich Erlebtes einflicht sowie eigene »Szenen zu einem Stück über Schiller« (in roter Schrift abgefasst!) zwischenschaltet, die eine oder andere Abbildung zeigt, vielfältige Verbindungen zu anderen Autoren herstellt und immer wieder die »faulenden Äpfel« in unterschiedlichsten Zusammenhängen zur Sprache bringt, die eigene Qualität des Buches aus – kurz: eine Darstellungsweise, die eher einer Gedanken- und EindrucksCollage ähnlich ist, auf die nicht zuletzt auch der Untertitel »Szenen, Gedanken und Bilder« hindeutet!
Dadurch entsteht nämlich ein »Unbestimmtheitsbetrag«, ergeben sich »Leerstellen« (Wolfgang Iser), die das Lesen zu einer entdeckungsreichen, dabei nicht immer kreuzungsfreien Lektüre werden lassen (auf die man sich allerdings einlassen muss) und die, gerade aufgrund der unbeantworteten Fragen, zu eigenen (bisweilen so noch nicht gedachten) Denkrichtungen und/oder Assoziationen führen können. – Es ist (wie ich finde) ein Buch, das sich in einer ihm eigenen Weise (von dem mittlerweile immens angewachsenen Dschungel an Literatur zu, über und um SCHILLER herum) wohltemperiert abhebt!

Hier nun noch das entsprechende Bild des Buches sowie des Schubers:


26. August 2013 Kommentar / mEIN Lesevorschlag
[zu: Auszug aus Schillers »Der Geisterseher« – »Die Fahrt war die angenehmste«]


Es ist allerdings kein Geheimnis, dass SCHILLER selbst nicht gerade als ein besonders Reiselustiger gelten kann. Er hat ja nicht einmal an irgendwelchen Meeresstränden gestanden (auch wenn er 1801 den Plan gehabt hat, mit seiner Familie ins Ostseebad Doberan zu reisen). Ebenso wenig hat er die Alpen gesehen (nicht einmal von Ferne, obwohl er noch 1802 den Wunsch gehegt hat, in die Schweiz zu reisen), geschweige denn sie überquert.

In einem Brief an seinen Freund KÖRNER beschreibt Schiller am 20. Juli 1794, dass er sich »immer am übelsten auf Reisen« befinde und dass er »über den unannehmlichen Folgen des Reisens die Zwecke«, warum er reise, verliere. Und weiter heißt es in dem Brief: »Bloß wenn ich zu Hause und in meiner Ordnung bin, kann ich meinen Zufällen einige heitre und freie Stunden abgewinnen.«
Statt dessen bereitet es SCHILLER offenbar ein viel größeres »Vergnügen«, sich »im möglichst kleinsten körperlichen Raum im Geiste auf der großen Erde herum zu tummeln« [in einem Brief an CHARLOTTE VON LENGEFELD]. Was für ihn bedeutet, in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch mit Hilfe von Reisebeschreibungen, Landkarten uud dgl. allein in der Vorstellung weit entfernte Länder und Städte zu befahren.

Frank Druffner und Martin Schalhorn fassen in »Götterpläne & Mäusegeschäfte. Schiller 1759-1805 / marbachkatalog 58« Schillers »eskapistische Reisefantasien« so zusammen: »Und wenn es um Räumliches geht, sind Karten und Ansichten den eigenen Vorstellungen behilflich«; er bereise »den Kosmos des Wissens in der physischen, historischen und mythologischen, philosophischen, medizinischen, anthropologischen und poetischen Dimension«.
Gleichwohl soll SCHILLER auch gesagt haben, dass »keine Reise ganz verlohren« sei, »auf der die Wahrheit gesucht« werde (a.a.O.).

In diesem Sinne: frohes Reisen (in welche und in welcher Welt auch immer)!




Dass auch KANT nur wenige Kilometer reisend unter die Kutschräder genommen hat, ist ebenfalls bekannt (abgesehen von den ca. 7 – 8 Jahren, in denen er als Hauslehrer außerhalb Königsbergs tätig gewesen ist, wobei die größte Entfernung von Königsberg nicht mehr als ca. 110 km betragen hat).
In seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht schreibt er über das Reisen: Zu den Mitteln der Erweiterung der Anthropologie im Umfange gehört das Reisen; sei es auch nur das Lesen der Reisebeschreibungen. Man muß aber doch vorher zu Hause durch Umgang mit seinen Stadt- oder Landesgenossen,* sich Menschenkenntnis erworben haben, wenn man wissen will, wornach man auswärts suchen solle, um sie im größerem Umfange zu erweitern.
* Eine große Stadt, der Mittelpunkt eines Reiches, in welchem sich die Landescollegia der Regierung desselben befinden, die eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Inneren des Landes sowohl, als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten, einen Verkehr begünstigt, – eine solche Stadt, wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis genommen werden; wo diese, auch ohne zu reisen, erworben wedern kann.

17. Oktober 2013 Beitrag
... Zugegeben, mehr zufällig, denn beabsichtigt bin ich darauf gestoßen:

Am 17. Oktober ist der 200. Geburtstag GEORG BÜCHNERs, der in dem 1834 veröffentlichten Pamphlet »Der Hessische Landbote« (zusammen mit dem Theologen und einem der führenden Oppositionellen F. L. Weidig, der das Manuskript jedoch gegen BÜCHNERs Willen weitgehend überarbeitet hat) – dem wohl sozialrevolutionärsten Blatt vor dem »Manifest der kommunistischen Partei« – mit schonungsloser Schärfe die sozialen und materiellen Ungerechtigkeiten nicht allein beim Namen nennt, sondern sich zum ersten Mal auch statistischer Zahlen bedient. Eröffnet wird die Kampfschrift (nach einem kurzen »Vorbericht«) mit der (BÜCHNER zwar zugeschriebenen, aber von Nicolas Chamfort stammenden) berühmten Parole »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«.
Sowohl wegen der darin vertretenen aufrührerischen Ansichten (die – selbst auf die heutigen Verhältnisse übersetzt – in ihrer Grundsätzlichkeit kaum etwas von ihrer Brisanz verloren haben – in welcher Hinsicht, braucht wohl nicht ausgeführt zu werden) sowie seines agitatorisch-revolutionären Kampfes sowie seiner (wie es seinerzeit hieß) »Theilnahme an staatsverrätherischen Handlungen« wurde er steckbrieflich gesucht.

Nur, was hat BÜCHNER mit SCHILLER zu tun – außer dass beide vor ihren Landesfürsten jeweils ins sog. »Ausland« geflohen sind (SCHILLER 1782 Flucht aus Stuttgart nach Arrest und Schreibverbot durch Herzog Karl August – BÜCHNER 1835 Flucht aus Gießen wegen polizeilicher Überwachung und Verrat)?
Denn auch SCHILLER hat (zumindest in seinen jungen Jahren) sehr wohl rebellische Züge gezeigt (wenngleich nicht in derart aktionistisch und konsequent gesellschaftlich-politisch ausgerichteter Art und Weise wie BÜCHNER – aber immerhin). So stand SCHILLER in Opposition gegen jeglichen Zwang, gegen übertriebene Repräsentation höfischen Prunks sowie gegen das »tintenklecksende Saeculum«, das »schlappe Kastraten-Jahrhundert«, kurz: gegen den moralischen Verfall der Gesellschaft.
Und genau Letzteres ist es, was BÜCHNER mit SCHILLERr zu tun hat.

In einem Brief an die Familie vom 28. Juli 1835 (in dem er auf die Kritik sowie die unautorisierten Änderungen am Manuskript seines Dramas »Dantons Tod« reagiert) schreibt BÜCHNER:
»[...] Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Dinge darin erzählt werden, müsste mit verbundenen Augen über die Gasse gehen [...]. Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, dass ich es nicht besser machen will [...]. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, dass sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben, deren Leid und Freude mich mitempfinden macht, und deren Tun und Handeln mir Abscheu oder Bewunderung einflößt. Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller.«

Das ist schon ganz schön starker Tobak in Richtung SCHILLER (vielleicht berechtigt, vielleicht auch nicht)!
BÜCHNERs Abneigung gegenüber SCHILLER zielt offenkundig gegen dessen oftmals mit nicht geringem Freiheitspathos idealistisch redendes Dramenpersonal. Aber sie ist wohl ebenso gegen SCHILLERs Aufsatz »Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet« gerichtet (der durchaus programmatisch zu verstehen ist). Dort heißt es nämlich unter anderem:
»[...] So gewiss sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstabe und kalte Erzählung, so gewiss wirkt die Schaubühne tiefer und daurender als Moral und Gesetze [...] Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben [...]. Die Schaubühne führt uns eine mannigfaltige Szene menschlicher Leiden vor. Sie zieht uns künstlich in fremde Bedrängnisse und belohnt uns das augenblickliche Leiden mit wollüstigen Tränen und einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung. [...] Aber nicht genug, dass uns die Bühne mit Schicksalen der Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe seiner Bedrängnis ausmessen, dürfen wir das Urteil über ihn aussprechen. [...] Mit ebenso glücklichem Erfolge würden sich von der Schaubühne Irrtümer der Erziehung bekämpfen lassen; das Stück ist noch zu hoffen, wo dieses merkwürdige Thema behandelt wird. [...] So groß und vielfach ist das Verdienst der bessern Bühnen um die sittliche Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die ganze Aufklärung des Verstandes. [...] Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genossen wird. Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsame Stunden vergiftet, wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seelen drücken und unsre Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wiedergegeben, unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das Blut in frischeren Wallungen. [...]«

Bertolt BRECHT wiederum hat das Moment des Zeigens sowie des Studierens (und nicht zuletzt auch das der Erziehung in seinen »Lehrstücken«) aufgenommen und eigenständig weiter entwickelt. Insbesondere Ersteres bekommt in seinem »epischen« bzw. »dialektischen Theater« eine ganz zentrale Bedeutung zu. Die Funktion des »Gestus des Zeigens« (wie BRECHT ihn nennt) liegt – in Verbindung mit anderen dramaturgisch spezifischen Elementen epischen, dialektischen Theaters – gerade darin, die Einfühlung des Zuschauers in Figuren und Situationen (die Identifikation) zu verhindern und stattdessen (und damit im Gegensatz zu SCHILLERs Vorstellung) Distanz zu Figuren und Situationen zu schaffen, um dadurch beim Zuschauer ein kritisches, dialektisch selbstreflektierendes Studium seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit zu ermöglichen.
BRECHT stellt mit direktem Bezug zu SCHILLERs Auffassung vom Theater kritisch die Frage: »Ist das epische Theater etwa eine ›moralische Anstalt‹?« Seine ausführliche Antwort dazu lautet so:
»Nach Friedrich Schiller soll das Theater eine moralische Anstalt sein. Als Schiller diese Forderung aufstellte, kam es ihm kaum in den Sinn, daß er dadurch, daß er von der Bühne herab moralisierte, das Publikum aus dem Theater treiben könnte. Zu seiner Zeit hatte das Publikum nichts gegen das Moralisieren einzuwenden.« SCHILLER erblicke in der Moral eine »durchaus vergnügliche« Angelegenheit. Denn für das Bürgertum sei es zu SCHILLERs Zeit »etwas sehr Vergnügliches«, sein »Haus einrichten, seinen eigenen Hut loben, seine Rechnungen präsentieren. Dagegen ist vom Verfall seines Hauses reden, seinen alten Hut verkaufen müssen, seine Rechnungen bezahlen wirklich eine trübselige Angelegenheit [...]. Auch gegen das epische Theater wandten sich viele mit der Behauptung, es sei zu moralisch. Dabei traten beim epischen Theater moralische Erörterungen erst an zweiter Stelle auf. Es wollte weniger moralisieren als studieren. Allerdings, es wurde studiert, und dann kam das dicke Ende nach: die Moral von der Geschichte. Wir können natürlich nicht behaupten, wir hätten uns aus lauter Lust zu studieren und ohne anderen, handgreiflicheren Anlaß ans Studium gemacht und seien dann durch die Resultate unseres Studiums völlig überrascht worden. Es gab da zweifellos einige schmerzliche Unstimmigkeiten in unserer Umwelt, schwer ertragbare Zustände, und zwar Zustände, die nicht nur aus moralischen Bedenken heraus schwer zu ertragen waren. [...] Auch der Zweck unserer Untersuchungen war es nicht lediglich, moralische Bedenken gegen gewisse Zustände zu erregen (wenngleich solche Bedenken sich leicht einstellen konnten, wenn auch nicht bei allen Zuhörern – solche Bedenken stellten sich zum Beispiel bei denjenigen Zuhörern selten ein, die von betreffenden Zuständen profitierten!), Zweck unserer Untersuchungen war es, Mittel ausfindig zu machen, welche die betreffenden schwer ertragbaren Zustände beseitigen konnten. Wir sprachen nämlich nicht im Namen der Moral, sondern im Namen der Geschädigten. Das sind wirklich zweierlei Dinge, denn oft wird gerade mit moralischen Hinweisen den Geschädigten gesagt, sie müssten sich mit ihrer Lage abfinden. Die Menschen sind für solche Moralisten für die Moral da, nicht die Moral für die Menschen.
Immerhin wird man aus dem Gesagten entnehmen können, inwieweit und in welchem Sinn das epische Theater eine moralische Anstalt ist.«

BÜCHNERs offene Ablehnung des »Idealdichters« SCHILLER ist (nach meiner Ansicht) nicht völlig von der Hand zu weisen. Und dies insofern nicht, als SCHILLER das (überwiegend historische) Personal, das in seinen Dramen auftritt, ohne irgendwelche (zumindest so gut wie nicht wahrnehmbare) ironische Brechungen schnitzt und entsprechend spielen und agieren lässt, sodass die Figuren mit ihrem moralischen Habitus eher »Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos« (BÜCHNER) gleichen bzw. die Handlungen und Verhaltensweisen der Figuren für Moralisten wie SCHILLER eher »für die Moral« gestaltet erscheinen und »nicht die Moral für die Menschen« (BRECHT).
»Für Büchner ist Schiller eine Art wirklichkeitsferner, idealistischer Träumer geworden: nichts entspricht weniger dem Charakter und Lebenslauf des wirklichen Friedrich Schiller als dieses Zerrbild.« (H. Mayer – Das Ideal und das Leben, 1955)

Hans Mayer (der renommierte Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker und zudem ausgewiesene BÜCHNER-Kenner) spricht von einem »Zerrbild« im Hinblick auf den »Charakter und Lebenslauf des wirklichen Schiller«. Dabei gerät (zumindest in dem sehr kurzen Zitat) völlig aus dem Blick, dass Büchners Kritik (in dem oben zitierten Brief an die Familie) sich nicht auf die Person selbst, also den »wirklichen Schiller«, sondern vielmehr auf dessen Dramenfiguren bezieht, die BÜCHNER als »Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos« bezeichnet.

22. Oktober 2013 mEIN Lesevorschlag
Jürgen Wertheimer, Schillers Spieler und Schurken – Essay
Tübingen / konkursbuch Verlag Claudia Gehrke / (2005) korrigierte Neuausgabe 2012 / 189 Seiten

Es ist nicht nur eine »korrigierte Neuausgabe«; es ist zugleich das ambitionierte Vorhaben des Autors, das »vorherrschende Schillerbild«, das »festgemauerte Bild des ›Idealisten‹ und ›Freiheitspathetikers‹ Schiller« (wie es im Vorwort heißt) zu korrigieren und ein neues Bild zu zeichnen, u. z. ein Bild SCHILLERs, dessen Qualität »eine souveräne artistische Leichtigkeit des Spiels« sei.
Wertheimers Ansatzspunkt sind (natürlich!) SCHILLERs »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen«, die »noch immer auf eine wirkliche Entdeckung« warteten (dem kann ich mich nur anschließen!); denn SCHILLER beschreibe in ihnen »das kühne Experiment, den Menschen spielerisch zu sich selbst zu bringen und eine andere Form der Menschlichkeit lustvoll zu entdecken«. Wertheimers Frage lautet deshalb (berechtigterweise): »Spieltrieb statt Moralpredigt, warum nicht?«
Denn, so führt er weiter aus, richtig spielen heiße »zu lernen, womit man spielen kann und womit nicht. Und wie und mit welchen Gefühlen der Akt des Spiels verbunden sein soll. Richtig zu spielen heißt für ihn [Schiller] mit allen Sinnen zu agieren, heißt das Spiel zu spielen und mit dem Spiel zu spielen, leicht und schwerelos zu werden, heißt Freude, Freude am Schein, am ›schönen Schein‹, am ›Schein der Dinge‹ zu empfinden. Kurz: Spielen als eine ›Revolution‹ der gesamten Wahrnehmungsfähigkeit zu begreifen.«

Nur: diese Art der »Revolution« ist (nach meiner Ansicht) eine sehr wohl idealistische, eine (im besten Wortsinn) geradezu radikal idealistische! Zumal: »Richtig spielen heißt zu lernen, womit man spielen kann und womit nicht.« Meine Frage würde deshalb eher lauten: Spieltrieb UND Moral, warum nicht? Und das (sofern ich SCHILLER angemessen verstehe) auch im Sinne SCHILLERs, der gerade in dem zu errichtenden »ästhetischen Staat« (seinem idealiter vorgestellten Bild einer menschenwürdigen Gemeinschaft) die Gegenspieler Sinnlichkeit (Wahrnehmung) und Sittlichkeit (Moralität) in einem gleichwertigen, freien, ja lustvollen Zusammen-Spiel versöhnt und gleichsam aufgehoben sieht.

Um jedoch nicht missverstanden zu werden:
Mein kleiner kritischer Einwand bedeutet keinesfalls, dass Wertheimers Essay nicht sehr lesens- und mithin empfehlenswert wäre (hätte ich ihn sonst hier als Lesevorschlag genannt?). – Ganz im Gegenteil! Denn Wertheimer zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus SCHILLERs Dramen dessen beeindruckend »souveräne artistische Leichtigkeit des Spiels«, zeigt ihn in seinen Dramen als einen »radikal illusionslose[n] Autor, der politische Entwicklungs- und Einwicklungsverfahren schonungslos transparent« gemacht habe, als einen, »der den Aufklärungsprozess nicht tugendhaft ausstaffierte, sondern radikalisierte und gelegentlich sogar spielerisch ad absurdum« geführt habe.
Der Essay gewährt einen Blick in SCHILLERs »Wahrnehmungs-Labor«, in dem lange »vor der Moderne des 20. Jahrhunderts […] das Phänomen der Wahrnehmung und ihrer sprachlichen Verfertigung an die Stelle der so genannten Wirklichkeit getreten« sei. Und das – wie ich finde – in überzeugender und Augen öffnender Weise.
Unterstrichen und gleichsam gewürzt wird das Element des Spielerischen noch durch die (bekannten) humoristischen Zeichnungen SCHILLERs.


26. Oktober 2013 mEIN Lesevorschlag
Heike Gfrereis, Autopsie Schiller. Eine literarische Untersuchung
Mit einem Essay von Wilhelm Genazino
Marbach / Deutsche Schillergesellschaft Marbach a. N.
marbachermagazin 125/126 / 2009 / 152 Seiten

Ganz im Unterschied zu BÜCHNER, von dem nur wenige Porträtzeichnungen und eine Locke erhalten bzw. überliefert sind, ist das Arsenal an Gegenständen (mann/frau ist fast geneigt zu sagen: Devotionalien) sehr gut gefüllt und (entsprechend akribisch) inventarisiert.
Dies kommt in der »Autopsie Schiller« anhand sehr zahlreicher Abbildungen deutlich zur Darstellung. So heißt es etwa auf dem Klappentext: »SCHILLER existiert im Archiv von Kopf bis Fuß: Hut, Stirnband, drei Westen« zwei Hosen, zwei Paar Strümpfe, sieben Schuhschnallen, Fingerringe, Handwärmer, Zahnstocher, Schlafrockknopf und Taschenuhr, Spazierstock und zahlreiche Haarlocken werden ihm zugeschrieben.«
Und weiter heißt es, dass jene Utensilien »kleine Erzählungen« auslösten, »die in die Dichtung münden«. So etwa »vom Spazierstock zum ›Spaziergang‹, von Hygieia, die den Schlafrockknopf ziert, zu den ›Räubern‹, von den Strümpfen zum ›Untertänigsten Pro Memoria‹, von der Weste zu ›Über Anmut und Würde‹, von Schuhschnallen zum ›Wallenstein‹.« All diesen Verbindungen spürt die Autorin mit (z. T. augenzwinkernder) Leichtigkeit und sachsouveräner Schreibweise nach.
Es ist in der Tat eine »Einführung für alle, die Schiller von den kleinen Dingen aus kennenlernen möchten«.




2014

03. Februar 2014 Beitrag
Was verbirgt sich hinter den Quersummen 11 und 12? – In diesem besonderen Fall die Zahlen 290 und 255. Es sind nämlich die in diesem Jahr sich jährenden Geburtstage  KANTs und SCHILLERs!

Deswegen hier noch einmal (mit z. T. allerdings identischen Textpassagen) einige Gedankensplitter – zudem veranlasst auch durch den Hinweis auf den hervorragenden Artikel von Iris Radisch in ZEIT ONLINE – zu SCHILLER UND KANT (der eine ein frei waltender, nur mühsam zu reglementierender Wort- und Begriffsjongleur, der andere ein unnachgiebiger, kritisch analysierender und systematisch entrümpelnder Denk- und Begriffsaufklärer):
Viele Namen aus dem näheren und weiteren, aus dem unmittelbaren und mittelbaren Umfeld SCHILLERs sind bereits genannt. Noch mehr Passagen, Textfragmente aus Briefen und Schriften SCHILLERs sind vielfach zitiert. Aber das »Gruppenbild mit Schiller« bleibt »zerstückt« und mithin unvollständig, wenn sein Name (wenn überhaupt) allenfalls erwähnt, aber nicht entsprechend seiner wirkmächtigen Bedeutung für SCHILLER im Gesamtbild ausdrücklich erscheint!

Noch ein zweiter, weit wesentlicherer Grund spricht dafür, ihn bei einem Fotoshooting in das »Gruppenbild« unbedingt aufzunehmen. Denn immerhin hat SCHILLER sich in den Jahren 1787 bis 1797 nicht nur mit der kritischen Philosophie KANTs beschäftigt, sondern sich seit etwa 1791 in einem intensiven Studium damit auseinandergesetzt (und dafür seine dichterischen Tätigkeiten zwischenzeitlich fast völlig zurückgestellt), u. z. vor allem mit Kants »Kritik der Urteilskraft«, aber ebenso mit anderen Schriften KANTs (so z. B. mit dessen »Kritik der reinen Vernunft«, mit der Schrift »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« sowie »Zum ewigen Frieden«). Diese Auseinandersetzung ist in SCHILLERs philosophisch-ästhetischen Abhandlungen unverkennbar eingeflossen und wird dort in geradezu kongenialer, gleichwohl kritisch-eigenständiger Weise durchleuchtet und weiter entwickelt (wie z. B. in den so genannten »Kallias-Briefen«, der Vorstufe seiner Briefe »Über die ästhetische Erziehung des Menschen«, den Schriften »Über Anmut und Würde« und »Vom Erhabenen. Zur weiteren Ausführung einiger Kantischen Ideen« sowie »Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten«).
Alle diese Schriften kreisen im Grunde um das wechselseitig sich versöhnende Verhältnis der Begriffspaare »Sinnlichkeit und Sittlichkeit«, »Neigung und Pflicht«, »Willkürlichkeit und Verbindlichkeit«, »Mittel und Zeck«, »Stoff und Form«, »dynamischer Staat und ethischer Staat«, »Anmut und Würde« (u. dgl. mehr).

Um nur einen bruchstückhaften Eindruck sowohl von der Auffassung als auch der Stellung SCHILLERs zur kritischen Philosophie KANTs zu geben, sei – nicht zuletzt auch aufgrund der durchaus vorhandenen Aktualität der Aussagen – an dieser Stelle eine etwas längere Passage aus SCHILLERs »Anmut und Würde« zitiert (zumal das eine oder andere, insbesondere zur »schönen Seele« aus dieser Schrift, die KANT übrigens in einer Anmerkung zu seiner Schrift »Die Religion innerhalb der bloßen Vernunft« als eine »mit Meisterhand« verfasste Abhandlung bezeichnet, zu Wort gekommen ist!):

»In der Kantischen Moralphilosophie ist die Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen, die alle Grazien davon zurückschreckt, und einen schwachen Verstand leicht versuchen könnte, auf dem Wege einer finstern und mönchischen Aszetik die moralische Vollkommenheit zu suchen. Wie sehr sich auch der große Weltweise gegen diese Mißdeutung zu verwahren suchte, die seinem heitern und freien Geist unter allen gerade die empörendste sein muß, so hat er, deucht mir, doch selbst durch die strenge und grelle Entgegensetzung beider auf den Willen des Menschen wirkenden Prinzipien einen starken (obgleich bei seiner Absicht vielleicht kaum zu vermeidenden) Anlaß dazu gegeben. Über die Sache selbst kann, nach den von ihm geführten Beweisen, unter denkenden Köpfen, die überzeugt sein wollen, kein Streit mehr sein, und ich wüßte kaum, wie man nicht lieber sein ganzes Menschsein aufgeben, als über diese Angelegenheit ein anderes Resultat von der Vernunft erhalten wollte. Aber so rein er bei Untersuchung der Wahrheit zu Werke ging, und sosehr sich hier alles aus bloß objektiven Gründen erklärt, so scheint ihn doch in Darstellung der gefundenen Wahrheit eine mehr subjektive Maxime geleitet zu haben, die, wie ich glaube, aus den Zeitumständen nicht schwer zu erklären ist.
So wie er nämlich die Moral seiner Zeit, im Systeme und in der Ausübung, vor sich fand, so mußte ihn auf der einen Seite ein grober Materialismus in den moralischen Prinzipien empören, den die unwürdige Gefälligkeit der Philosophen dem schlaffen Zeitcharakter zum Kopfkissen untergelegt hatte. Auf der andern Seite mußte ein nicht weniger bedenklicher Perfektionsgrundsatz, der, um eine abstrakte Idee von allgemeiner Weltvollkommenheit zu realisieren, über die Wahl der Mittel nicht sehr verlegen war, seine Aufmerksamkeit erregen. Er richtete also dahin, wo die Gefahr am meisten erklärt, und die Reform am dringendsten war, die stärkste Kraft seiner Gründe, und machte es sich zum Gesetze, die Sinnlichkeit sowohl da, wo sie mit frecher Stirne dem Sittengefühl hohnspricht, als in der imposanten Hülle moralisch löblicher Zwecke, worein besonders ein gewisser enthusiastischer Ordensgeist sie zu verstecken weiß, ohne Nachsicht zu verfolgen. Er hatte nicht die Unwissenheit zu belehren, sondern die Verkehrtheit zurechtzuweisen. Erschütterung foderte die Kur, nicht Einschmeichelung und Überredung; und je härter der Abstich war, den der Grundsatz der Wahrheit mit den herrschenden Maximen machte, desto mehr konnte er hoffen, Nachdenken darüber zu erregen.
[…] Aus dem Sanktuarium der reinen Vernunft brachte er das fremde und doch wieder so bekannte Moralgesetz […].
Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung des Willens ohne Scheu überlassen darf, und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. Man kann ihr auch keine einzige darunter zum Verdienst anrechnen, weil eine Befriedigung des Triebes nie verdienstlich heißen kann. Die schöne Seele hat kein andres Verdienst, als daß sie ist. […]; dagegen ein schulgerechter Zögling der Sittenregel, so wie das Wort des Meisters ihn fodert, jeden Augenblick bereit sein wird, vom Verhältnis seiner Handlungen zum Gesetz die strengste Rechnung abzulegen. […]
In einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der Erscheinung. Nur im Dienst einer schönen Seele kann die Natur zugleich Freiheit besitzen, und ihre Form bewahren, da sie erstere unter der Herrschaft eines strengen Gemüts, letztere unter der Anarchie der Sinnlichkeit einbüßt. […]
Es ist dem Menschen zwar aufgegeben, eine innige Übereinstimmung zwischen seinen beiden Naturen zu stiften, immer ein harmonierendes Ganze zu sein, und mit seiner vollstimmigen ganzen Menschheit zu handeln. Aber diese Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner Humanität, ist bloß eine Idee, welcher gemäß zu werden, er mit anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann. […]
[…] Wendet sich nun der Wille wirklich an die Vernunft, ehe er das Verlangen des Triebes genehmigt, so handelt er sittlich; entscheidet er aber unmittelbar, so handelt er sinnlich. […]
Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.
Strenggenommen ist die moralische Kraft im Menschen keiner Darstellung fähig, da das Übersinnliche nie versinnlicht werden kann. Aber mittelbar kann sie durch sinnliche Zeichen dem Verstande vorgestellt werden, wie bei der Würde der menschlichen Bildung wirklich der Fall ist«

(aus: Schiller, Sämtliche Werke – Anmut und Würde / Bd. V / S. 262f, 265, 267, 269, 271f)

07. Februar 2014 Kommentar
[zu: »Schillers Äpfel«]


Zwar ein etwas verspäteter Kommentar (aber immerhin)!
Die Frage, ob es sich um eine tatsächliche Gewohnheit SCHILLERs oder lediglich um ein immer wieder goutiertes Gerücht (oder um eine kolportierte Anekdote) handelt, das der »Geheim«-Rat GOETHE seinem engen Vertrauten ECKERMANN mitgeteilt hat, kann wohl nicht mit letzter Sicherheit beantwortet werden.

Mir jedenfalls sind dazu weder bestätigende noch widerlegende Äußerungen, Bemerkungen, Berichte u. dgl. von »Zeitgenossen« bekannt (noch habe ich in meinem mir möglichen Rahmen Entsprechendes gefunden); auch nicht von SCHILLERs Ehefrau (bis eben auf ihre bekannte, allerdings wiederum von GOETHE selbst wiedergegebene Bemerkung, »daß die Schieblade immer mit faulen Äpfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schillern wohltue, und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne«). Zudem ist wohl die »Authentizität« des 3. Teils der ECKERMANN'schen »Gespräche mit Goethe« mit Vorsicht zu betrachten, da sie eher auf fragmentarischen Notizen des Verfassers sowie auf lückenhaften Aufzeichnungen von Soret beruhen.

Aber noch etwas anderes scheint mir in diesem Zusammenhang nicht gerade uninteressant zu sein:
Dass SCHILLER ein Medizinstudium abgeschlossen (und sich in besonderem Maße mit der medizinischen Psychologie auseinandergesetzt) und dass er zeitlebens mit Krankheiten zu kämpfen gehabt und infolgedessen immer wieder zu selbst verordneter Medikation gegriffen hat – wobei er sich über »Risiken und (Neben-)Wirkungen« (soweit sie zu seiner Zeit erforscht waren!) durchaus bewusst gewesen sein mag, ist allemal bekannt.
Bedenkt man zudem, dass Laudanum (eine Opiumtinktur) im 18. Jh. in allen Gesellschaftsschichten sich großer Beliebtheit erfreute und ein viel benutztes Universalheilmittel (gleichsam eine Wunderdroge) aufgrund seiner schmerzstillenden und zugleich anregend beruhigenden Wirkung gewesen ist, das aber über lange Zeit eingenommen zur Abhängigkeit führt, so ist es keineswegs unwahrscheinlich oder gar auszuschließen, dass sich SCHILLER lieber den Ausdünstungen verschimmelnder (fauliger) Äpfel und deren (wegen der geringen Menge weit weniger gefährlichen) narkotisch und muskelentspannenden Wirkung des Ethylen bedient hat (vgl. Hermann J. Roth, Friedrich von Schiller, ein Schnüffler? / in: Deutsche Apotheker Zeitung / 145. Jg. / Nr. 1 / 07.04.2005 / S. 64).

Ebenso bekannt ist, dass er ein ausgemachter Liebhaber von Stimulanzen wie Tabak (insbesondere Schnupftabak), Kaffee, Likör und Wein gewesen ist, sodass mir ein Weiteres an dieser Stelle (nicht ohne Augenzwinkern!) durchaus erwähnenswert erscheint:
»Im Januar 1994 erregte die Entdeckung eines bis dahin unbekannten Goethe-Manuskriptes einiges Aufsehen, in dem der Dichterfürst von einem Haschischexperiment berichtet, das er gemeinsam mit Schiller und drei seiner Studenten durchgeführt habe. Über die Datierung jener vier Blätter im Quartformat, deren Echtheit noch nicht erwiesen ist, ist bislang nichts bekannt geworden, doch es ist anzunehmen, daß der Versuch, wenn er tatsächlich je stattfand, während eines Goethe-Besuchs bei Schiller in Jena im Spätsommer oder Herbst 1797 durchgeführt wurde.« Und weiter heißt es in Alexander Kupfers Untersuchungen »Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik. Ein Handbuch« (1996/2006): »Es folgt eine praktische Erprobung der möglichen Auswirkung der Droge auf das poetische Vermögen: Die Anwesenden ergreifen Papier und Feder und komponieren aufs Geratewohl – Goethe ›ein, zwei magere Sonette, die wenig Wert hatten, Schiller eine Ballade […], welche noch weniger Wert hatte.‹« (S. 47/48).

So weit, so »faul«!

12. Februar 2014 Beitrag / mEIN Lesevorschlag
Ohne in irgendwelche zweifelhaften Ehrerbietungsbezeugungen oder -fantasien abzudrehen, halte ich es für angezeigt, heute am 12. Februar an KANTs 210. Todestag mit wenigen Gedankenschnipseln zu erinnern – auch und gerade in Verbindung mit SCHILLER.

Hat KANT doch mit seiner im besten Sinn kritisch-aufklärerischen Philosophie, seiner Transzendentalphilosophie, den entscheidenden Perspektivwechsel, mithin einen »Paradigmenwechsel« (Thomas S. Kuhn) vollzogen und gilt zu Recht als der folgenreichste Philosoph der Neuzeit und lieferte mit seinen drei Kritiken (der Kritik der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft und der Urteilskraft) neue Grundlagen der Erkenntnistheorie, der Ethik und der Ästhetik, an denen (aus meiner Sicht) kein modernes Philosophieren mehr vorbei kommt und hinter die auch kein modernes Philosophieren mehr zurück kann – wenn es denn ernst genommen werden will.

»Denn Philosophie in der letztern Bedeutung ist ja die Wissenschaft der Beziehung alles Erkenntnisses und Vernunftgebrauchs auf den Endzweck der menschlichen Vernunft, dem, als dem obersten, alle andern Zwecke subordiniert sind und sich in ihm zur Einheit vereinigen müssen.« (KANT in der »Einleitung« zu seiner »Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen«)
Die in Analogie zu Kopernikus (den KANT selbst erwähnt und die deshalb als sog. »kopernikanische Wende«) bezeichnete »Revolution der Denkart« (so KANT in der 2. Vorrede zur »Kritik der reinen Vernunft«) hat Moses MENDELSSOHN (in seinem »Vorbericht zu seinen Morgenstunden oder Vorlesungen über das Dasein Gottes. Erster Teil«) veranlasst, Kant als »Alleszermalmer« zu bezeichnen. Ein anderer Philosoph, nämlich Henri-Louis BERGSON, soll KANT irgendwann einmal sogar als »Zertrümmerer der Metaphysik« tituliert haben.


In den sehr ausführlichen »Vorerinnerungen« zu seinem Briefwechsel mit SCHILLER schreibt Wilhelm von HUMBOLDT:

»[…] Kant unternahm und vollbrachte das größte Werk, das vielleicht je die philosophierende Vernunft einem einzelnen Mann zu danken gehabt hat. Er prüfte und sichtete das ganze philosophische Verfahren auf einem Weg, auf dem er notwendig den Philosophien aller Zeiten und aller Nationen begegnen mußte, er maß, begrenzte und ebnete den Boden desselben, zerstörte die darauf angelegten Truggebäude, und stellte, nach Vollendung dieser Arbeit, Grundlagen fest, in welchen die philosophische Analyse mit dem durch die früheren Systeme oft irregeleiteten und übertäubten natürlichen Menschensinn zusammentraf. Er führte im wahrsten Sinne des Worts die Philosophie in die Tiefen des menschlichen Busens zurück. Alles, was den großen Denker bezeichnet, besaß er in vollendetem Maße, und vereinigte in sich, was sich sonst zu widerstreben scheint; Tiefe und Schärfe, eine vielleicht nie übertroffene Dialektik, an die doch der Sinn nicht verloren ging, auch die Wahrheit zu fassen, die auf diesem Wege nicht erreichbar ist, und das philosophische Genie, welches die Fäden eines weitläufigen Ideengewebes, nach allen Richtungen hin, ausspinnt, und alle vermittelst der Einheit der Idee zusammen hält, ohne welches kein philosophisches System möglich sein würde. Von den Spuren, die man in seinen Schriften von seinem Gefühl und seinem Herzen antrifft, hat schon Schiller richtig bemerkt, daß der hohe philosophische Beruf beide Eigenschaften (des Denkens und des Empfindens) verbunden fordert. […] Einiges, was er zertrümmert hat, wird sich nie wieder erheben; einiges was er begründet hat, wird nie wieder untergehen; und was das Wichtigste ist, so hat er eine Reform gestiftet, wie die gesamte Geschichte der Philosophie wenig ähnliche aufweist. […] Da er nicht sowohl Philosophie, als zu philosophieren lehrte, weniger Gefundenes mitteilte, als die Fackel des eigenen Suchens anzündete, so veranlaßte er mittelbar mehr oder weniger von ihm abweichende Systeme und Schulen, und es charakterisiert die hohe Freiheit seines Geistes, daß er Philosophien, wieder in vollkommner Freiheit und auf selbst geschaffnen Wegen für sich fortwirkend, zu wecken vermochte. […]
Es lag in Schillers Eigentümlichkeit, von einem großen Geiste neben sich nie in dessen Kreis herübergezogen, dagegen in dem eignen, selbst geschaffenen durch einen solchen Einfluss auf das mächtigste angeregt zu werden, […] aber die fremde Individualität ganz, als verschieden, zu durchschauen, vollkommen zu würdigen, und aus dieser bewundernden Anschauung die Kraft zu schöpfen, die eigne nur noch entschiedner und richtiger ihrem Ziel zuzuwenden, gehört wenigen an, und war in Schiller hervorstechender Charakterzug. Allerdings ist ein solches Verhältnis nur unter verwandten Geistern möglich, deren divergierende Bahnen in einem höher liegenden Punkte zusammentreffen, aber es setzt von Seiten der Intellektualität die klare Erkenntnis dieses Punkts, von Seiten des Charakters voraus, daß die Rücksicht auf die Person gänzlich zurückbleibe hinter dem Interesse an der Sache. Nur unter dieser Bedingung gehen Bescheidenheit und Selbstgefühl, wie es die Bestimmung ihres idealistischen Zusammenwirkens ist, wahrhaft in Unbefangenheit über. So nun stand Schiller auch Kant gegenüber. Er nahm nicht von ihm […]. Allein dennoch wurde jene Bekanntschaft zu einer neuen Epoche in Schillers philosophischem Streben; die Kantische Philosophie gewährte ihm Hilfe und Anregung.«
(aus: »Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm v. Humboldt. Mit einer Vorerinnerung über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung von W. von Humboldt«)

Sowohl Empfindung als auch Reflexion, »Größe und Macht der Phantasie stehen in Kant der Tiefe und Schärfe des Denkens unmittelbar zur Seite« (HUMBOLDT in seinen »Vorerinnerungen«) und erfahren in dem »Beschluß« in KANTs »Kritik der praktischen Vernunft« ihren beeindruckenden und (und in Erinnerung) bleibenden Ausdruck:
»Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten.«

Selbstverständlich nicht vergessen möchte ich KANTs praktischen Imperativ, nämlich seinen berühmten (und – wie ich finde – zu Unrecht oftmals verunglimpften) »kategorischen Imperativ«:
»Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.« (in: »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten«)
oder in zwei anderen Fassungen:
»Handle so, daß die Maxime deiner Handlung ein allgemeines Gesetz werden könne.« (in: »Die Metaphysik der Sitten«)
»Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« (in: »Kritik der praktischen Vernunft«) – gilt gemeinhin als die Definition, die Fassung des kategorischen Imperativs und ist die wohl bekannteste und in aller Regel am häufigsten zitierte Version.

Anmerken möchte ich, dass bei allen Einwänden gegen KANTs »Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft« nicht selten zu wenig beachtet wird, dass der Akzent auf der Maxime liegt (»so fern man unter Maxime das innere Prinzip der Wahl unter verschiedenen Zwecken versteht« – in KANTs »Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen«) und nicht etwa auf der Handlung oder dem Willen; denn sowohl die Handlung als auch der Wille sind jeweils der Maxime nachgeordnet und insofern durch sie bestimmt. (Und wer weiß – dies nur meine unbescheidene Meinung! –, wer weiß, vielleicht sähe Einiges besser, menschenwürdiger aus, wenn wir uns der Bedeutung sowie der Funktion und nicht zuletzt der Wirkung dieses Gesetzes in selbst-reflektierender, verantwortlicher Weise wirklich bewusst wären bzw. uns dieses bewusst machten?!)
Aber, wie sagt doch KANT in seinen »Reflexionen zur Anthropologie« so treffend: »Alle Ermahnungen sind langweilig, aber die Empfehlungen sind unterhaltend; bei jenen will man dartun, daß alle Tugenden beifallswürdig sind, und daran hat niemand gezweifelt; bei diesen: daß das tugendhafte Verhalten auch Vorzüge habe, und zwar mehr als das Laster, und das lockt an.«

Übrigens bin ich mit KANT ebenfalls der Ansicht, dass es »unmöglich« sei, »Philosophie zu lernen«, sondern dass es vielmehr (und vor allem) darauf ankommt, »philosophieren zu lernen«! (so KANT in seiner »Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbenjahre von 1765 – 1766«)

Ebenfalls bis in die Gegenwart fortgeschrieben sind KANTs hinlänglich bekannte 4 Fragen, mit denen sich das »Feld der Philosophie« sinnigerweise gliedern lässt, nämlich:
»1. Was kann ich wissen? – 2. Was soll ich tun? – 3. Was darf ich hoffen? – 4. Was ist der Mensch?« (in KANTs »Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen«)
(vgl. etwa R. D. Precht, Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? – um nur ein Beispiel zu nennen)

Obwohl vieles aus der Philosophie KANTs durchaus Eingang in unser alltägliches Denken gefunden, mithin den Rang von Selbstverständlichkeiten erreicht hat, scheint die Aussage nicht völlig abwegig zu sein, dass »Kant […] noch immer verkannt« werde.
»Kant zum Vergnügen« könnte da vielleicht Abhilfe schaffen, denn man »braucht nur Kants Überzeugung ernst zu nehmen, daß die pflichtbewußten Menschen nichts erreichen, wenn sie sich nicht auch ihrer Neigung versichern können. Kurz: Zum Ernst des moralischen Bewußtseins, wenn es denn Erfolg haben will, gehört die Heiterkeit.« (so Volker Gerhardt in seinem Vorwort zu der von ihm herausgegebenen Sammlung »Kant zum Vergnügen«)
Deshalb eine zum Schmunzeln anregende Anekdote, die ein Herr Zelter dem Goethe in einem Brief erzählt:
»›Aber‹, spricht Kant, ›hast du Geschäftsmensch wohl auch einmal Lust, meine Schriften zu lesen?‹ – ›O ja! und ich würde es noch öfter tun, nur fehlen mir die Finger.‹ – ›Wie versteh' ich das?‹ – ›Ja, lieber Freund, Eure Schreibart ist so reich an Klammern und Vorbedingtheiten, welche ich im Auge behalten muß; da setze ich den einen Finger aufs Wort, dann den zweiten, dritten, vierten, und ehe ich das Blatt umschlage, sind meine Finger alle.‹« (aus »Kant zum Vergnügen«)

Abschließen möchte ich meinen kursorischen Ausflug mit KANTs eigenen Worten:
»Alle Menschen haben Vorurteile, nur von verschiedener Art. Der allein ist davon frei, dem es leicht wird, die Sache aus einem ganz andern Gesichtspunkt zu betrachten.« (KANT in »Philosophische Enzyklopädie«)


Und jetzt noch schnell meine Lesetipps:
  1. Kant zum Vergnügen – »Man merkt leicht, daß auch kluge Leute bisweilen faseln«
    Hrsg. v. Volker Gerhardt
    Stuttgart 2003 / Reclam Vlg. (Universal-Bibliothek Nr. 18281) / 155 Seiten

    Eine (wie ich meine) überzeugend zusammengestellte Sammlung (aus der ich bereits mehrfach zitiert habe) an Texten aus unterschiedlichsten Schriften KANTs, die durch Lust machende Kapitelüberschriften gegliedert und durch »Anekdotisches über Person und Leben des Philosophen« angereichert zur Einstimmung sehr geeignet ist. Denn (so wird KANT vielsagend auf dem rückseitigen Cover zitiert): »Es ist niemals zu spät, vernünftig und weise zu werden«.

  2. Wahrheitsgetreuer Bericht über meine Reise in den Himmel verfaßt von Immanuel Kant
    München 1997 / Matthes & Seitz Vlg. / 112 Seiten

    »Was Kant noch nicht kannte.« – heißt es auf der Rückseite des Umschlags! Der Klappentext bringt das Besondere der »Reise« auf den Punkt: »In dieser Burleske wird Philosophie zu einer fechterischen, amüsanten Lektüre! Unser Buch ist Arznei gegen Begriffs-Gärtnerei. (Die meisten Begriffe der Philosophie sind Konstruktionen, Fluchtversuche, Ausreden, Worte, nichts weiter. Aber dem Laien, dem Philosophie begegnet, wird höchst imponiert.) Dieser Verbalismus, kalt und einteilend, wird hier ironisiert. Philosophen: ihre Wichtigtuerei, Schüler, die Lehrer spielen wollen. […] Der große Königsberger Philosoph und Ordinarius Immanuel Kant gelangt in den Olymp: Kant wird verhört und katechisiert von seinen erleuchteten Vorgängern, die überlegen tun gegen den Epigonen. Der Himmel akzeptiert ihn nicht. […] Dieses Buch vereint zwei Jenseits-Auffassungen von Kant: Zunächst spricht er als Himmlischer. Im 2. Teil des Buches aber als Irdischer, 70jährig.«

  3. Thomas De Quincey, Die letzten Tage des Immanuel Kant
    München 1991 / Matthes & Seitz Vlg. / 143 Seiten

    Im einleitenden Beitrag von Giorgio Manganelli sagt dieser zum Titelessay: »Eines Tages im frühen 18. Jahrhundert traf Thomas De Quincey Immanuel Kant.« Allerdings: »Wann und wo sie sich trafen, ist schwer zu sagen.« Und er fährt fort: »Was bei einer exquisiten wie grausamen Flunkerei im Zusammenspiel zwischen Anstifter und Meuchelmörder herauskam, ist ein knapper Essay […], kongenial herausgegeben von Fleur Jaeggi […]«. Und im Klappentext ist von Marcel Schwob zu lesen: »In Wahrheit ist dieses Werk, Zeile für Zeile, einzigartig von De Quincey: mit einem bewundernswerten Kunstgriff […] zeigt sich auch De Quincey als ein ›Fälscher der Natur‹ und er hat seine Erfindung mit einem gefälschten Siegel der Realität gesiegelt.« Was auch immer davon zu halten ist, so erfährt der Leser, die Leserin sehr wohl Interessantes über KANT und ist (meiner Meinung nach) eine lesenswerte Sammlung von Aufsätzen verschiedener Autoren.

  4. Jean-Baptiste Botul, Das sexuelle Leben des Immanuel Kant
    Hrsg. u. übersetzt v. Dieter Redlich u. Angelika Rüther
    Leipzig 2001 / Reclam Vlg. (Reclam Bibliothek Leipzig, Bd. 2001) / 93 Seiten

    Dem rückseitigen Covertext kann ich durchaus zustimmen: »Eine lustvolle Einführung in die Kantsche Philosophie«. In acht Vorträgen, die von einem fiktiven Philosophen (mit einer ebenfalls erdachten Biographie ausgestattet von dem Journalisten Frédéric Pagès) gehalten werden, wird ein fürwahr außergewöhnlicher Blick auf (und in) die Philosophie KANTs geworfen (bzw. ermöglicht). Es ist ein (wenngleich bisweilen drastischer, aber) überaus lesenswerter, geistreicher und »intelligenter philosophiegeschichtlicher Fake« (Manfred Geier) im Hinblick auf die zusammengetragenen Materialien, wenn es z. B. in einem Vortrag heißt: »Unser Philosoph hat ein Problem mit der Reproduktion der Gattung Mensch. Was er meidet, ist nicht die Sexualität, sondern ihre Konsequenz, d. h. die menschliche Vermehrung.« Aber es »gibt ein Mittel, diesem traurigen Schicksal zu entrinnen. Es ist die Philosophie.«

  5. Kant IN heutigem Deutsch. Sechs kritische Essais
    Übersetzt und herausgegeben von Hans-Peter Gensichen
    Norderstedt 2013 / BoD / 175 Seiten

    Es handelt sich um eine Sammlung von sechs ausgewählten Vorworten (bzw. Vorreden) zu sechs bedeutende Schriften KANTs, die in »heutiges, in modernes Deutsch ›übersetzt‹ bzw. übertragen« und infolgedessen leichter lesbar und auch leichter verstehbar werden. Dabei wird vom Herausgeber selbstverständlich versucht, »den inhaltlichen Sinn weitestgehend beizubehalten, aber Grammatik, Syntax, Rechtschreibung in modernem Deutsch zu halten. Sinn und Ziel ist es, ›Kant-Laien‹ das Verstehen seiner Theoretischen Philosophie und Ethik zu erleichtern, ohne doch auf deren Tiefgang zu verzichten.« (so auf dem rückseitigen Cover). Zum Vergleich der »Übersetzungen« sind immer wieder originale Textpassagen eingebunden. Entsprechende »Anmerkungen sorgen für Hintergrundwissen, das in Kants Vorreden vorausgesetzt wird, heute aber bei jüngeren Lesern […] durchaus nicht klar vorhanden ist.«

ergänzender Kommentar:
Obwohl mein kantischer Ausflug ein nicht gerade kurzer geworden ist, möchte ich dennoch für alle Interessierten die Abbildungen der Buch-Cover nachliefern (u. z. entsprechend der Reihenfolge meines Lesetipps):


20. Februar 2014 Kommentar
[zu: »Schiller über Johann Gottlieb Fichte«]
»Fichte ist eine äußerst interessante Bekanntschaft, aber mehr durch seinen Gehalt, als durch seine Form. Von ihm hat die Philosophie noch große Dinge zu erwarten.
Er hat ein neues System in der Philosophie aufgestellt, welches zwar auf das Kantische gebaut ist, und es aufs Neue bestätigt, aber doch sehr viel Neues und Großes in der Form hat. Es wird sehr viel Aufsehen und Streit erregen; aber Fichtens überlegenes Genie wird alles zu Boden schlagen, denn nach Kant ist er gewiss der größte spekulative Kopf in diesem Jahrhundert.«

Wieder (einmal unverschämt) ergänzen möchte ich, dass das Verhältnis SCHILLERs zu JOHANN GOTTLIEB FICHTE wohl eher als ein zwiespältiges, zumindest als ein sich veränderndes anzusehen ist.

Obwohl FICHTE auf der langen Liste namhafter »Schriftsteller« in SCHILLERs »Ankündigung« seiner »Monatsschrift« »Die Horen« genannt wird und anfangs (neben W. v. HUMBOLDTt und K. L. WOLTMANN) sogar der redaktionellen »Gemeinschaft« angehört hat (wie SCHILLER seinem langjährigen Freund KÖRNER in einem Brief vom 12. Juni 1794 mitteilt) und wenngleich SCHILLER Einschätzung in Bezug auf FICHTE im gleichen Brief (aus dem übrigens die beiden ersten, oben zitierten Sätze stammen!) positiv ausfällt, so darf dennoch keinesfalls unberücksichtigt bleiben, dass SCHILLER sich (wie er selbst sagt) »genötigt« gesehen habe, ein Manuskript FICHTEs zurückzuweisen.
Immerhin bezeichnet SCHILLER den Manuskripttext, der eigentlich ein Beitrag für »Die Horen« hat werden sollen, (recht vernichtend) als eine zu »trockene, schwerfällige und nicht selten verwirrte Darstellung«, und dies »um so mehr«, da ihn der »Inhalt desselben nicht viel besser als die Form« befriedige und »daß man unmittelbar von den abstrusesten Abstraktionen unmittelbar auf Tiraden« stoße, »ein Fehler, woran man schon in Ihren früheren Schriften Anstoß genommen« habe (so SCHILLER im 1. und 3. Bruchstück eines Briefes an FICHTE vom 23. bzw. 24. Juni 1795), woraufhin FICHTE seine Mitarbeit an SCHILLERs Literaturzeitschrift aufkündigt (u. z. – wie es scheint – etwas beleidigt). Denn am 6. Juli 1795 schreibt SCHILLER in einem Brief an GOETHE u. a.: »Daß ich ihm aber Verworrenheit der Begriffe über seinen Gegenstand schuld gab, das hat er mir kaum verzeihen können.«

Ebenso gehört der zweite Teil des obigen Zitats (das aus einem Brief SCHILLERs an F. v. HOVEN vom 21. Nov. 1794 entnommen ist) sozusagen der Frühzeit des Verhältnisses SCHILLERs zu FICHTE an. Denn schon wenig später ist bei SCHILLER gehörige Skepsis gegenüber FICHTEs Auffassungen festzustellen.
Zwar räumt SCHILLER in seinem Brief an F. v. HOVEN (vom 21. Nov. 1794) ein, dass ihn FICHTE sehr interessiere. Aber SCHILLERSs skeptische Einschätzung äußert sich bereits in einem Brief (vom 8. Sept. 1794) an J. B. ERHARD , wenn er dort schreibt: »In unserm Musensitze ist alles ruhig, und Fichte ist noch in voller Arbeit, seine Elementarphilosophie zu vollenden. Ich bin überzeugt, daß es nur bei ihm stehen wird, in der Philosophie eine gesetzgebende Rolle zu spielen […]. Aber der Weg geht an einem Abgrund hin, und alle Wachsamkeit wird nötig sein, nicht in diesen zu stürzen. Die reine Spekulation grenzt so nahe an eine leere Spekulation und der Scharfsinn an Spitzfindigkeit.« Und Schiller fährt fort: »Was ich bis jetzt von seinem System begreife, hat meinen ganzen Beifall, aber noch ist mir sehr vieles dunkel, und es geht nicht bloß mir, sondern jedem so, den ich darüber frage«. Zudem stellt SCHILLER in der Folgezeit immer größere Unterschiede in ihren grundsätzlichen (sowohl theoretischen wie gedanklich-begrifflichen) Auffassungen heraus.

Zu SCHILLERs Skepsis gegenüber FichteFICHTE mag nicht zuletzt auch dessen Nähe zu Geheimorganisationen bzw. dessen Forderung nach Aufhebung des Verbots von Geheimorganisationen (so soll FICHTE seit 1794 Mitglied in der Freimaurer-Loge »Günther zum stehenden Löwen« in Rudolstadt gewesen sein) beigetragen haben, zumal SCHILLER nichts mit irgendwelchen Geheimbünden am Hut gehabt hat, schreibt er doch im 10. Brief seiner »Briefe über Don Carlos« unmissverständlich: »Ich bin weder Illuminat noch Maurer«.
Gleichwohl bringt SCHILLER einiges Verständnis für die Situation FICHTEs auf, wenn er in einem Brief (vom 1. Mai 1795) an KÖRNER schreibt, dass FICHTE in dem Sommer 1795 nicht in Jena sei. Der Grund: FICHTE habe sich »in die akademische Ordensgeschichten eingemischt, worüber die Studenten so ergrimmt worden sind, daß sie ihm alles Herzeleid antaten. Nun hat er den übeln Weg ergriffen, sich zurückzuziehen und dem wilden Gesindel das Feld zu räumen«.

Erst 1798 kommt es offenbar zu einer (eher vorsichtigen) Wiederannäherung mit FICHTE. In einem Brief an GOETHE (vom 28. Aug.) ist nämlich Folgendes zu lesen: »In bin in diesen Tagen von einem Besuch überrascht worden, dessen ich mich nicht versehen hätte. Fichte war bei mir und bezeigte sich äußerst verbindlich. Da er den Anfang gemacht hat, so kann ich nun freilich nicht den Spröden spielen, und ich werde suchen, dies Verhältnis, das schwerlich weder fruchtbar noch anmutig werden kann, da unsere Naturen nicht zusammenpassen, wenigstens heiter und gefällig erhalten.«

14. März 2014 Kommentar / mEIN Lesevorschlag
[zu: »Das Schiller-Zitat zum Wochenende!« – »Rußland wird nur durch Rußland überwunden.«]


Armer SCHILLER! kann ich (in freier Anlehnung an Johannes Lehmanns »respektlose Annäherung«) da nur sagen.
Müssen denn Aussagen, Aussprüche, Verse, Zeilen oder was sonst noch, die in seinen Briefen, in seinen Werken oder wo auch immer vielfältig zu finden sind, für alles herhalten – für jedes Ereignis, für jede und bei jeder sich bietenden Gelegenheit lediglich zitierenderweise (ob nun passend oder nicht, ob zur Eröffnung einer Spielzeug-Messe, zu einem Nachbarschaftszwist, zu einem Fast-Food-Burger oder – wie in diesem Fall – zum hochexplosiven Krim-Konflikt!) herangezogen (und dabei aus dem jeweiligen gedanklichen wie inhaltlichen Zusammenhang gerissen) werden?

Aber wie dem auch sei ... Wer zum (selbstbeweihräuchernden, selbstbespiegelnden – und ich schließe mich keinesfalls aus!) Bildungsstatus derartiges benötigt, dem sei empfohlen:

Johann Prossliner (Hrsg.), Kleines Lexikon der Schiller-Zitate
erschienen 2004 im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv 34145) / 255 Seiten


07. April 2014 Beitrag
[zu: Textauszug aus Schillers »Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Fünfter Brief«]
»Stolze Selbstgenügsamkeit zieht das Herz des Weltmanns zusammen, das in dem rohen Naturmenschen noch oft sympathetisch schlägt, und wie aus einer brennenden Stadt sucht jeder nur sein elendes Eigentum aus der Verwüstung zu flüchten. Nur in einer völligen Abschwörung der Empfindsamkeit glaubt man gegen ihre Verirrungen Schutz zu finden, und der Spott, der den Schwärmer oft heilsam züchtigt, lästert mit gleich wenig Schonung das edelste Gefühl. Die Kultur, weit entfernt uns in Freiheit zu setzen, entwickelt mit jeder Kraft, die sie in uns ausbildet, nur ein neues Bedürfnis; die Bande des Physischen schnüren sich immer beängstigender zu, so dass die Furcht zu verlieren, selbst den feurigen Trieb nach Verbesserung erstickt und die Maxime des leidenden Gehorsams für die höchste Weisheit des Lebens gilt. So sieht man den Geist der Zeit zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, zwischen Unnatur und bloßer Natur, zwischen Superstition und moralischem Unglauben schwanken, und es ist bloß das Gleichgewicht des Schlimmen, was ihm zuweilen noch Grenzen setzt.«

Das gestrige Zitat aus SCHILLERs »Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen« hat mich geradezu dazu animiert, dieses aufzugreifen, da es mir nicht nur des Nachdenkens wert ist, sondern zudem an die Fragestellung »Noch immer aktuell?« (auf dem »ehemaligen Titelbild« dieser Facebook-Seite vom 25. März) anknüpft und sich mir unwillkürlich eine Frage aufdrängt:

Könnte das Bild, das SCHILLER 1795 im 5. Brief seiner »Ästhetischen Briefe« von seinem »Zeitalter« (dem der Aufklärung! sowie der Zeit der Französischen Revolution und ihren Auswüchsen) scharf schneidend zeichnet, nicht in einigen Aspekten ebenso auf unsere (ach so freiheitlich-demokratisch aufgeklärt sich oftmals gerierende!) Zeit anzuwenden sein? Und zeigt sich nicht in der Kritik, mit der SCHILLER »die nachteilige Richtung des Zeit-Charakters und ihre Quellen aufzudecken« unternimmt, in einigen (keineswegs unbedeutenden) Grundzügen eine verblüffende Aktualität?
Heißt es doch unmittelbar vor dem erwähnten Zitat aus dem 5. Brief der »Ästhetischen Briefe«:

»Die Aufklärung des Verstandes, deren sich die verfeinerten Stände nicht ganz mit Unrecht rühmen, zeigt im Ganzen so wenig einen veredelnden Einfluß auf die Gesinnungen, daß sie vielmehr die Verderbnis durch Maximen befestigt. Wir verleugnen die Natur auf ihrem rechtmäßigen Felde, um auf dem moralischen ihre Tyrannei zu erfahren, und indem wir ihren Eindrücken widerstreben, nehmen wir unsre Grundsätze von ihr an. Die affektierte Desenz unsrer Sitten verweigert ihr [gemeint ist unsere Sinnlichkeit, unsere sinnlich-physische Natur; Anm. L. J.] die verzeihliche erste Stimme, um ihr, in unsrer materialistischen Sittenlehre, die entscheidende letzte einzuräumen. Mitten im Schoße der raffiniertesten Geselligkeit hat der Egoism sein System gegründet, und ohne ein geselliges Herz mit heraus zu bringen, erfahren wir alle Ansteckungen und alle Drangsale der Gesellschaft. Unser freies Urteil unterwerfen wir ihrer despotischen Meinung, unser Gefühl ihren bizarren Gebräuchen, unsern Willen ihren Verführungen, nur unsre Willkür behaupten wir gegen ihre heiligen Rechte.«

Und im 6. Brief skizziert SCHILLER (nicht weniger messerscharf) einen gesellschaftlich-politischen Zustand, der dem unsrigen (nach meiner Einschätzung) gar nicht so unähnlich zu sein scheint, wenn er von »Vernünftelei«, von »Zerstückelung«, wenn er davon redet, dass der »fragmentarische Anteil« uns Menschen »mit skrupulöser Strenge durch ein Formular vorgeschrieben, in welchem man ihre freie Einsicht gebunden hält«, dass der »tote Buchstabe« den »lebendigen Verstand« vertrete.

Hierzu stellt er zunächst einen Katalog an Negativbedingungen auf:
»Wenn das gemeine Wesen [man könnte auch sagen: das Gemeinwesen; Anm. L. J.] das Amt zum Maßstab […] macht, wenn es an dem einen seiner Bürger nur die Memorie, an einem andern den tabellarischen Verstand, an einem dritten nur die mechanische Fertigkeit ehrt, wenn es hier, gleichgültig gegen den Charakter, nur auf Kenntnisse dringt, dort hingegen einem Geiste der Ordnung und einem gesetzlichen Verhalten die größte Verfinsterung zugut hält – wenn es zugleich diese einzelnen Fertigkeiten zu einer ebenso großen Intensität will getrieben wissen, als es dem Subjekt an Extensität erläßt«. Sodann stellt SCHILLER die (auch für heutige Ohren) brisante Frage: »darf es uns da wundern, daß die übrigen Anlagen des Gemüts vernachlässigt werden, um der einzigen, welche ehrt und lohnt, alle Pflege zuzuwenden?«

Und weiter führt SCHILLER aus (was mir zugegebenermaßen ein leichtfertiges Schmunzeln abnötigt!):
»Und so wird denn allmählich das einzelne konkrete Leben vertilgt, damit das Abstrakt des Ganzen sein dürftiges Dasein fristet, und ewig bleibt der Staat seinen Bürgern fremd, weil ihn das Gefühl nirgends findet. Genötigt, sich die Mannigfaltigkeit seiner Bürger durch Klassifizierung zu erleichtern, und die Menschheit [vielleicht etwas hoch angesiedelt, aber sei's drum; Anm. L. J.] nie anders als durch Repräsentation aus der zweiten Hand zu empfangen, verliert der regierende Teil sie zuletzt ganz und gar aus den Augen, indem er sie mit einem bloßen Machwerk des Verstandes vermengt; und der regierte kann nicht anders als mit Kaltsinn die Gesetze empfangen, die an ihn selbst so wenig gerichtet sind. Endlich überdrüssig, ein Band zu unterhalten, das ihr von dem Staat so wenig erleichtert wird, fällt die positive Gesellschaft (wie schon längst das Schicksal der meisten europäischen Staaten ist) in einen moralischen Naturstand auseinander, wo die öffentliche Macht nur eine Partei mehr ist, gehaßt und hintergangen von dem, der sie nötig macht, und nur von dem, der sie entbehren kann, geachtet.«
Denn (so könnte ich mit SCHILLER fortfahren) der »Geschäftsgeist, in einen einförmigen Kreis von Objekten eingeschlossen und in diesem noch mehr durch Formeln eingeengt, mußte das freie Ganze sich aus den Augen gerückt sehen, und zugleich mit seiner Sphäre verarmen […] und die Regeln seines Geschäfts jedem Geschäft ohne Unterschied anpassen […] wollen.« Der »Geschäftsmann hat gar oft ein enges Herz, weil seine Einbildungskraft, in den einförmigen Kreis seines Berufs eingeschlossen, sich zu fremder Vorstellungsart nicht erweitern kann.«

Aber SCHILLER wäre nicht SCHILLER, wenn er nicht bereits zum Abschluss des 6. Briefes in seiner ihm eigenen idealistischen Denkweise – und dies in bester Wortbedeutung und ohne dabei die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren – die Frage stellt:
»Kann aber wohl der Mensch dazu bestimmt sein, über irgendeinem Zweck sich selbst zu versäumen? Sollte uns die Natur durch ihre Zwecke eine Vollkommenheit rauben können, welche uns die Vernunft durch die ihrigen vorschreibt?« –, um dann selbst seine Antwort uns gibt: »Es muß also falsch sein, daß die Ausbildung der einzelnen Kräfte das Opfer ihrer Totalität notwendig macht; oder wenn auch das Gesetz der Natur noch so sehr dahin strebte, so muß es bei uns stehen, diese Totalität in unsrer Natur, welche die Kunst zerstört hat [hier wohl eher im Sinne einer verfälschenden Künstlichkeit; Anm. L.J.], durch eine höher Kunst [jetzt als eine, die Sinnlichkeit und Sittlichkeit zu einer wechselseitig sich ergänzenden Einheit zu verbinden in der Lage ist; Anm. L.J.] wiederherzustellen.«

Allerdings scheint aus heutiger Sicht SCHILLERs Einschätzung, dass es »eine Aufgabe für mehr als Ein Jahrhundert« [7. Brief] sei, angesichts immer unüberschaubarer sich darstellender Vernetzungen, komplexer werdender Verflechtungen (u. z. in allen Bereichen, auf allen Ebenen) sehr optimistisch. – Aber dennoch oder gerade trotzdem …

29. April 2014 Kommentar
[zu: Clemens Brentano über Schiller – in einem Brief Brentanos an seine Nichte Sophie Schweizer vom 10. April 1842]


An dieser Stelle zeigt sich erneut die nicht gerade unproblematische Funktion bzw. Bedeutung des Buttons »Gefällt mir« (vergleichbar im Hinblick auf Todestage)!
Kommt dadurch nicht ein sehr zweifelhafter Zungenschlag ins Spiel? »Gefällt« einem denn wirklich der Inhalt, die Aussage des Briefes über SCHILLER? »Gefällt« einem denn wirklich die antisemitische Tendenz BRENTANOs (einem der Hauptvertreter der »Heidelberger Romantik«) in seiner Schrift »Der Philister vor, in und nach der Geschichte« oder in seinem bekanntesten »religiösen(!)« Werk »Das bittere Leiden« (in dem fast das gesamte Arsenal eines »christlichen« Antijudaismus zu finden ist)?
»Gefällt« einem das? – Mir nicht!
(Ebenso wenig – doch das nur am Rande! – wie die gerade in den letzten Wochen angestrengten Erklärungs- und bemüht differenzierten und differenzierenden Rechtfertigungsversuche des unstrittig antisemitischen, ja mehr noch: des den Nationalsozialismus gutheißenden Philosophen Heidegger!)

01. Juni 2014 Kommentar
[zu: Textauszug aus Schillers »Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen Briefen« / zum Verhältnis von sinnlichem Trieb und Formtrieb]
»Der sinnliche Trieb schließt aus seinem Subjekt alle Selbsttätigkeit und Freiheit, der Formtrieb schließt aus dem seinigen alle Abhängigkeit, alles Leiden aus. Ausschließung der Freiheit ist aber physische, Ausschließung des Leidens ist moralische Notwendigkeit. Beide Triebe nötigen also das Gemüt, jener durch Naturgesetze, dieser durch Gesetze der Vernunft. Der Spieltrieb also, als in welchem beide verbunden wirken, wird das Gemüt zugleich moralisch und physisch nötigen: Er wird also, weil er alle Zufälligkeit aufhebt, auch alle Nötigung aufheben und den Menschen sowohl physisch als moralisch in Freiheit setzen. Wenn wir jemand mit Leidenschaft umfassen, der unsrer Verachtung würdig ist, so empfinden wir peinlich die Nötigung der Natur. Wenn wir gegen einen andern feindlich gesinnt sind, der uns Achtung abnötigt, so empfinden wir peinlich die Nötigung der Vernunft. Sobald er aber zugleich unsre Neigung interessiert und unsere Achtung sich erworben, so verschwindet sowohl der Zwang der Empfindung als der Zwang der Vernunft, und wir fangen an, ihn zu lieben, d.h., zugleich mit unsrer Neigung und mit unsrer Achtung zu spielen.«

Das zu lesen und darüber (ernsthaft-spielerisch) nach-zudenken, macht (zumindest mir) einfach Freude! Das ist einfach klasse! – Ich kann mich nur wiederholen: SCHILLERs Briefe »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« (aus denen auch diese Textpassage entnommen ist – 14. Brief) gehören in ihrer besonderen Akzentuiertheit und zugleich Gedankenvielfalt für mich zu den (im wahrsten Sinne des Wortes) denkwürdigsten und mithin lesenswertesten philosophischen Schriften. (Ja, ich möchte sogar soweit gehen und sagen: SCHILLER als Philosoph zählt für mich ganz persönlich zu den TOP 10 in der Philosophiegeschichte!)

Mag SCHILLERs sog. Triebtheorie aus der Sicht gegenwärtiger, moderner (oder sollte ich ketzerisch sagen: modernistischer?) Psychologie als wissenschaftlich völlig unzureichend, als dualistisch vereinfachend, als tiefenpsychologisch überholt oder sonst wie veraltet erscheinen, so enthält sie in der für SCHILLER eigenen Begrifflichkeit immerhin Elemente unserer physisch-psychisch-geistigen Struktur, die sich – soweit ich weiß – durch neuere Erkenntnisse, wenngleich unstrittig weit ausdifferenzierter, vielschichtig vernetzter, komplexer und begrifflich anders gefasst, nicht im Grundsätzlichlichen widerlegen lassen (aber vielleicht sehe ich das auch gänzlich falsch!?).

Was mich zudem an SCHILLERs »Ästhetischen Briefen« beeindruckt, ist sein sezierender Blick auf gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhänge, sind seine provozierend kritischen Fragen, die zu stellen auch uns Heutigen nicht schlecht anstehen würden, ist doch sowohl dem Blick als auch den Fragen eine erstaunliche Aktualität inhärent (wie in einem blank vorgehaltenen Spiegel), wenn er – nur als ein Beispiel – u. a. im 6. Brief schreibt:

»Und so wird denn allmählich das einzelne konkrete Leben vertilgt, damit das Abstrakt des Ganzen sein dürftiges Dasein friste, und ewig bleibt der Staat seinen Bürgern fremd, weil ihn das Gefühl nirgends findet. Genötigt, sich die Mannigfaltigkeit seiner Bürger durch Klassifizierung zu erleichtern, und die Menschheit nie anders als durch Repräsentation aus der zweiten Hand zu empfangen, verliert der regierende Teil sie zuletzt ganz und gar aus den Augen, indem er sie mit einem bloßen Machwerk des Verstandes vermengt; und der regierte kann nicht anders als mit Kaltsinn die Gesetze empfangen, die an ihn selbst so wenig gerichtet sind. Endlich überdrüssig, ein Band zu unterhalten, das ihr von dem Staate so wenig erleichtert wird, fällt die positive Gesellschaft […] in einen moralischen Naturstand auseinander, wo die öffentliche Macht nur eine Partei mehr ist, gehaßt und hintergangen von dem, der sie nötig macht, und nur von dem, der sie entbehren kann, geachtet.«

Und weiter ist im gleichen Brief zu lesen:
»Die mannigfaltigen Anlagen im Menschen zu entwickeln, war kein anderes Mittel, als sie einander entgegenzusetzen. Dieser Antagonism der Kräfte ist das große Instrument der Kultur, aber auch nur das Instrument; denn solange derselbe dauert, ist man erst auf dem Wege zu dieser. […] Wieviel also auch das Ganze der Welt durch diese getrennte Ausbildung der menschlichen Kräfte gewonnen werden mag, so ist nicht zu leugnen, daß die Individuen, welche sie trifft, unter dem Fluch dieses Weltzweckes leiden. Durch gymnastische Übungen bilden sich zwar athletische Körper aus, aber nur durch das freie und gleichförmige Spiel der Glieder die Schönheit. Ebenso kann die Anspannung einzelner Geisteskräfte zwar außerordentliche, aber nur die gleichförmige Temperatur derselben glückliche und vollkommene Menschen erzeugen. […]
Kann aber wohl der Mensch dazu bestimmt sein, über irgendeinem Zwecke sich selbst zu versäumen? Sollte uns die Natur durch ihre Zwecke eine Vollkommenheit rauben können, welche uns die Vernunft durch die ihrigen vorschreibt? Es muß also falsch sein, daß die Ausbildung der einzelnen Kräfte das Opfer ihrer Totalität notwendig macht; oder wenn auch das Gesetz der Natur noch so sehr dahin strebte, so muß es bei uns stehen, diese Totalität in unserer Natur […] wieder herzustellen.«

Schon wieder so 'n lästig langer Kommentar – nun ja, muss sein …

19. Juni 2014 Kommentar
[zu: »Kartensatz: Sätze zwischendurch!« – »Das Publikum will immer mit Novitäten unterhalten sein«]


SCHILLERs Bemerkung – in seinem Brief vom 13. Sept. 1794 (an seinen engen Freund Wilhelm REINWALD in Bezug auf »einige Fabeln« REINWALDs, den er in vielen Briefen mit »lieber« oder auch »liebster Bruder« anredet, und Ehemann seiner Schwester Christophine) – scheint aktueller denn je in einer Zeit, in der immer Neues in immer kürzer werdendem Takt (so habe ich zumindest den Eindruck) zu unserer Unterhaltung geboten werden muss, in der das Verfallsdatum von Unterhaltsamem, von Entertainment (egal welcher Art) immer weiter gegen Null tendiert.
Wird dem Neuheitsbedürfnis nicht Rechnung getragen, droht leider ein Gähnen aus Langeweile, droht Desinteresse aus Oberflächlichkeit.

09. Juli 2014 Kommentar
[zu: »Der Antikensaal zu Mannheim«]


Zur (richtigen? angemessenen?) Einschätzung der (bisweilen hochfliegenden) Ausführungen SCHILLERs zum »Antikensaal zu Mannheim« in seinem »Brief eines reisenden Dänen« (1785) möchte ich aus den Anmerkungen zur 5-bändigen Werkausgabe (hrsg. v. Helmut Koopmann / Bd. V / S. 869) Folgendes hinzufügen. Dort heißt es:
»Schillers Brief […] befaßt sich mit einem Bereich, zu dem er zeit seines Lebens nur ein sehr mittelbares Verhältnis hatte. Am 10. Mai 1785 besuchte er, zusammen mit der Familie von Kalb, die Sammlung in Mannheim, und unter der Maske eines durchreisenden Dänen, hinter der sich möglicherweise ein Bekannter namens Rahbek verbirgt, hat er diesen Besuch beschrieben. Schillers Bericht zeigt, daß er die in Mannheim versammelten Statuen durchaus erlebt hat. Ein eigenes Verhältnis zur Welt der bildenden Kunst hat er aber dennoch nicht gefunden. […] Wie wenig Schiller die Statuen mit eigenen Augen sah, zeigt ein Blick auf die literarischen Vorlagen, deren er sich bediente. Lessings ›Laokoon‹ war ihm gut bekannt, und vermutlich dürfte er auch Winckelmanns Laokoon-Darstellung gekannt haben; zumindest hat Lessing ihm seine Anschauungen vermittelt. An sie hält sich Schillers Beschreibung weitgehend.«

Und im 2. Band der (zurzeit wohl besten!) Schiller-Biographie von Peter-André Alt ist – im Zusammenhang mit SCHILLERs Elegie »Die Götter Griechenlandes« (1788) – auf S. 262 zu lesen, dass der »Brief eines reisenden Dänen« ein »gebrochene[s] Antike-Bild« vermittele. Denn dessen Versuch, »die Distanz gegenüber der griechischen Philosophie mit einer an Winckelmann und Herder ausgerichteten Verherrlichung der attischen Kunst zu verbinden,« spiegele »die weltanschauliche Gemengelage, die Schillers Denken zwischen neuzeitlicher Metaphysik und Annäherung an Positionen klassizistischer Ästhetik noch 1785 bestimmte.«


... jetzt ist aber Schluss.



[1] »Das Friedrich-Schiller-Projekt wurde im März 2011 in München gegründet« und will seitdem als Online-Magazin »über die Aktualität und Lebendigkeit Friedrich Schillers im 21. Jahrhundert« berichten. Ziel des Projekts ist nach eigenen Worten, »die Denktradition Schillers in unserer heutigen Zeit aufrechtzuerhalten und eine entsprechende Auseinandersetzung mit diesem Thema […] zu fördern«www.friedrich-schiller-projekt.de
darüber hinaus trägt eine vom »Friedrich-Schiller-Projekt« eingerichtete Online-Seite den Titel »Schiller kompakt!«https://friedrichschillerprojekt.wordpress.com/
meine Beiträge, Kommentare und dgl. beziehen sich jedoch ausschließlich auf den Auftritt von »Schiller kompakt!« innerhalb des Friedrich-Schiller-Projekts bei facebook, dem es am 8. Februar 2013 beigetreten gewesen und dessen Auftritt zum 31. August 2014 eingestellt worden ist



[erstellt: 15.10.2015]







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